Eine längliche Box. Etwa 70 Zentimeter breit, sodass man seine Arme nicht seitlich austrecken kann. Es ist dunkel und stickig. Bis zu zwölf Stunden am Tag verbrachten Habtom und seine Frau in einer Box im unteren Teil eines Busses auf ihrer Reise nach Europa.

Post It Habtom

Sein neues Zuhause hat er in Babenhausen in einer Flüchtlingsunterkunft gefunden. Ein schöner Ort, wie er findet, vor allem wenn er an sein Leben in Eritrea zurückdenkt: „Wir hatten keine Freiheit und konnten nicht lernen.“

Habtom war Schüler der zwölften Klasse. Seinen Abschluss hat er nicht mehr machen können, da er von der Regierung gezwungen wurde, in den Militärdienst einzutreten. Soldaten kamen zu ihm nach Hause, verhafteten ihn, zwei Mal saß er im Gefängnis. Grund genug für den damals 22-Jährigen seine Heimat zu verlassen. Was folgte, war eine beschwerliche Reise nach Europa. Vier Tage lang ging er zu Fuß durch Wüstenlandschaften ins Nachbarland Äthiopien. Mitgenommen hatte er nichts außer etwas zu Essen und Wasser. Dies war nach zwei Tagen bereits aufgebraucht.

Von Äthiopien ging es weiter nach Süd Sudan, wo er ein Jahr lang in einer Bäckerei Brot verkaufte. Dort lernte er auch seine Freundin Trhas kennen. Zu zweit wollten sie Europa Habtom gelber Buserreichen. In einem gelben Bus fuhren sie zwei Wochen lang nach Tripolis, die Hauptstadt Libyens, bis zur Mittelmeerküste – ständig in der Angst vor dem libyschen Militär. „Wenn man nicht zahlt, dann schlagen sie die Menschen.“
Tatsächlich wurde der Bus auf ihrer Reise von Soldaten durchsucht. Entdeckt wurden sie nicht, weil sie nicht wie normale Passagiere im Bus saßen. Eingeklemmt in den engen Boxen lagen sie und 35 weitere Personen versteckt im unteren Teil des gelben Busses. Seine Freundin war zu dem Zeitpunkt schon schwanger. Was er gefühlt hat während dieser Stunden? Angst, sagt er. „Es war schlimm.“

Ihre Wege trennten sich zwischenzeitlich, als sie in Tripolis waren. Frauen und Männer waren in getrennten Häusern untergebracht und so wagte er die ungewisse Fahrt über das Mittelmeer zunächst ohne sie. Mit 200 weiteren Flüchtlingen saß er in einem kleinen Boot, als sie um vier Uhr nachts von der italienischen Küstenwache gefunden wurden. Vier Tage lang wussten beide nicht, was aus dem anderen geworden ist, bis sich herausstellte, dass es beide auf das europäische Festland geschafft hatten. Er war in Rom und sie in Milano. Zum ersten Mal wiedergetroffen haben sich die beiden in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen.

Habtom spielt Kirar auf einer Taufe

Das Ziel des frischgebackenen Vaters in Deutschland: „Ich will Musik machen.“ Er brachte sich den Umgang mit dem Gitarren-ähnlichen Instrument Kirar selbst bei und trat schon auf so manchen Taufen und Hochzeiten auf. Davon haben auch Einheimische Wind bekommen – so engagierte ihn ein deutsches Mädchen für ein Flüchtlingsfest in Dieburg.

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