Salah: Ein Mann mit ergrauten Augen in einem müden Gesicht, einem massiven Körper und großen Händen. Es ist gerade Mittagszeit, als wir uns mit ihm in einer Notunterkunft in Gießen an einen langen Biertisch setzen. Andere Flüchtlinge sitzen um uns herum, essen Kartoffeln und Fleisch mit brauner Soße aus Plastikschalen, beäugen uns teils neugierig, teils skeptisch.

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Salah ist ein direkter Mann. Es wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. Er ist 50 Jahre alt, hat Elektronik in Syrien studiert und betrieb mit seinen Brüdern sogar eine eigene Textil-Firma. Was ihn aber ausmacht, sind seine Kinder. Er ist allein erziehender Vater, seit seine Frau ihn und die Kinder vor sieben Jahren verlassen hat. Warum, weiß er nicht. Er wusste nur, dass er aus Syrien weg musste, als der Krieg ausbrach. Er ist mit drei Söhnen (12, 13 und 14 Jahre) nach Deutschland gekommen. Ihre Schule in Syrien wurde zehn Mal von Bomben getroffen, 18 Autos brannten vor dem Gebäude aus. „Es war kein einfaches Leben“, sagt er. Sein Ziel formuliert er ganz klar: Ein sicheres, besseres Leben für seine Kinder.

Dafür nahm er einen langen Weg auf sich und überwand auch Ängste. Am 15. September 2015 brachen sie aus Aleppo auf. Zunächst ging es in den Libanon, danach in die Türkei, von dort aus, wie viele Tausend andere auch, nach Griechenland. Dies war der schwierigste Teil seiner Reise, erzählt Salah. „Ich kann nicht schwimmen. Aber das war mir egal, ich habe mich nur um meine Kinder gesorgt.“

Und so saßen sie eng an eng mit 54 Flüchtlingen in einem Plastik-Boot, das für 20 Personen gemacht war. „Ich habe versucht, sie zu beschützen“, erzählt Salah und macht eine Geste. Er deutet an, wie er die Gesichter seiner Kinder eng an sich gedrückt hielt, damit sie nichts sehen. Die See war unruhig an dem Tag und die hohen Wellen machten den Kindern Angst. Etwa zwei Stunden verbrachten sie in dem Boot, bis sie bei Kos an Land konnten. „Wir hatten Glück. Wir hatten Angst wegen der Geschichte des ertrunkenen drei-jährigen Alan“, erzählt Salah und erinnert damit daran, wie riskant die Reise ist, die Hunderttausende auf sich nehmen.

Der alleinerziehende Vater und seine drei Söhne haben es sicher ans europäische Festland geschafft und zogen zu Fuß weiter auf der Balkanroute bis zu der Grenze Serbiens. Sie mussten lange im Dreck ausharren. Normalerweise hätten sie sogar bis zu einer Woche warten müssen, so Salah. Da er Kinder dabei hatte und er am Auge verletzt war, durften sie schneller die Grenze passieren. Die Polizei und Ärzte in Kroatien beschreibt er als „nette Menschen“. Sie gaben ihm Tabletten und Creme für das Auge, ein Asthmaspray für einen seiner Söhne. Trotzdem wollte er weiter nach Deutschland.

Warum? „Es ist ein gutes Land, eine gute Nation, es ist sicher.“ Ob er etwas vermisst? Seine Mutter und das Essen, sagt er und muss kurz lachen, bevor er wieder ernst wird. Für ihn gibt es kein Zurück mehr. „Ich bin nicht für mich hierhergekommen, ich bin 50. Ich bin hier für meine Söhne.“ Er hofft, dass seine Kinder eine gute Zukunft in Deutschland haben und vielleicht Ärzte werden können, sagt Salah und ruft seine Söhne zu sich an unseren Tisch.

Die haben eine etwas andere Vorstellung von ihrer Zukunft. Als wir den ältesten, Mohamad (14) danach fragen, was er in Deutschland machen will, antwortet er: „Ich möchte nur zur Schule.“ Sein Traum allerdings ist es Fußballer zu werden, so wie seine Idole von Bayern München. Auch der Jüngste Abdullah (12) will Fußball zu seinem Beruf machen, während der 13-jährige Abdallrahman davon träumt, als Apotheker Menschen zu helfen. Der Vater ist stolz auf seine Söhne und will nur das, was jeder Vater für seine Kinder wünscht: Eine Chance, denn „in Syrien haben sie keine Zukunft.“

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