Diese Erfahrung hat Joachim Grebe aus Darmstadt gemacht. Der 66-jährige Pensionär engagiert sich ehrenamtlich als Pate und hilft dem Syrer Mohamad Akhkoubak (42) beim Aufbau seines neuen Lebens in Deutschland. Zwischen Behördengängen und Papierbergen hat sich mittlerweile eine ganz besondere Verbindung zwischen Pate und „Patensohn” entwickelt.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Joachim: Er ist mir vor die Füße gefallen [lacht]. Ich habe Marina Rotärmel vom Sozialkritischen Arbeitskreis (SKA) kennengelernt. Sie hat gesagt: ‘Ach, da habe ich jemanden, mit dem könnten Sie morgen zum Rechtsanwalt fahren.’ – das war der Start.

 

Wie war der erste Eindruck?

Mohamad: Zuerst habe ich eine E-Mail von ihm gekriegt. ‘Ich kann dir helfen und wir können morgen zusammen zum Rechtsanwalt’. Dann habe mir gedacht: Ach, das ist wirklich toll! Ich habe gar kein Deutsch gesprochen, immer nur auf englisch. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, dachte ich mir: Das ist toll, ich habe einen deutschen Freund! Und jetzt ist er wie mein Vater.

Joachim: Wir hatten uns Bilder zugeschickt und uns am Luisenplatz getroffen. Da musste man jemanden aus der Menge rausfischen. Er ist relativ leicht erkennbar, er ragt ja auch aus der Menge heraus.

Mohamad: Ich bin 1, 86 Meter.

Joachim: Wir sind dann direkt in die Straßenbahn eingestiegen. Wir haben uns erstmal abgetastet und uns gegenseitig voneinander erzählt. Er davon, wie er hierhin gekommen ist, was er beruflich gemacht hat, und ich, was mein Hintergrund ist. Das Witzige war: Wir haben so lange geredet, dass wir eine Haltestelle zu spät ausgestiegen sind.

 

Wie hattet ihr euch am Anfang verständigt?

Mohamad: Englisch.

Joachim: Wir sind gleich schlecht.

 

Was erledigst du alles für Mohamad?

Joachim: Man muss einen ganzen Berg unübersichtlicher Anträge stellen. Man könnte das unter Leitbegriffe stellen: Unterhalt, Aufenthaltstitel, Wohnen, Gesundheit und Sprache.Wir haben uns relativ früh um die Anmeldung zum Integrationskurs gekümmert, den er, wie man sieht, mit Erfolg gemacht hat. Und um noch ein Stichwort zu sagen: Der Beruf. Wenn er den Sprachkurs und Orientierungskurs fertig hat, dann wird es darum gehen: Ist seine Qualifikation hier gefragt? Muss er vielleicht eine Zusatzausbildung machen? Ich habe zwei volle Ordner nur für Mohamads Familie. Das ist wirklich ein Knochenjob. Es ist quasi eine halbe Sozialarbeiter-Tätigkeit.

 

Hört sich nach viel Stress an. Was motiviert Dich, Pate zu sein?

Joachim: Ich bin ein christlich erzogener Mensch, der vom Glauben abgefallen ist, aber sich in einer humanistischen Organisation engagiert. Und dadurch, dass ich Pansionier bin und auch Zeit hatte, war das eine Grundmotivation. Ich sagte: Nicht nur reden, sondern etwas tun. Mir war aber nicht klar, was da auf mich zukommt. Ein Syrer kommt selten alleine. Zum einen war da die Familienzusammenführung. Und eine tnge Frau, die zusammen mit Mohamad die Flucht ergriffen hatte. Die hatten wir dann auch kennengelernt. Sie kam auch nicht mit den Behörden zurecht, daher habe ich sie übernommen. Dann saß irgendwann ein Bekannter bei ihm – ich hatte gar nicht vor, mich um ihn zu kümmern, aber er hatte auf einmal einen Herzinfarkt. Er hat es rechtzeitig ins Alicen-Hospital geschafft und auch überlebt, aber er hatte keine Krankenkasse und nichts. Und diese junge  Frau hatte dann irgendwann einen Bruder und er hatte einen Schwager und so weiter…

 

Für wie viele „Patenkinder” bist du gerade zuständig?

Joachim: Ein Dutzend kann man schon sagen.

 

Ein Vollzeitjob?

Joachim: Das schwankt ein bisschen. Ich dachte, jetzt sind die aus dem Gröbsten raus, da kommt schon wieder der nächste Schwager an. Mittlerweile macht meine Frau Jutta mit zwei Flüchtlingen Sprachunterricht und viele Arztbesuche. Insofern ist das auch unser Familienleben.

 

Ist es für einen Flüchtling ohne einen Paten überhaupt zu schaffen?

Mohamad: Sie kriegen immer Probleme, wenn sich keine Person um sie kümmert. Ich habe einen Minijob beim Sozialamt in der Beratungsstelle des Sozialkritischen Arbeitskreises (SKA) Darmstadt. Ich übersetze dort auf Deutsch und Arabisch. Es kommen immer Leute, die sagen: ‘Heute haben wir kein Geld auf dem Konto. Wenn wir dann den Sachbearbeiter fragen, sagt er: ‘Wenn Sie das Papier nicht mitbringen, kriegen Sie kein Geld.’

 

Und was hast du in Syrien gemacht?

Mohamad: Ich habe Mechatronik studiert.

Joachim: Das ist eher eine Techniker-Ausbildung in unserem System.

Mohamad: Ich habe 14 Jahre in Syrien gearbeitet, jeden Tag acht Stunden. Das ist kein Problem. Bei meiner Arbeit habe ich Maschinen repariert und installiert. Ich hatte auch ein Internet-Café.

 

Wäre das deine Traumvorstellung, deinen alten Job auch hier weiterführen zu können? Oder hast du ganz andere Pläne?

Mohamad: Ohne Geld hat man keine Pläne. Mit Geld kann man etwas machen. Ohne Geld muss man das machen, was man gearbeitet hatte. Das ist ganz einfach hier. Wenn ich mit meinem Beruf eine Arbeit finde, mache ich das gerne. Da weiß ich, was ich tue.

Joachim: Er ist technisch sehr begabt, sowohl elektronisch als auch computermäßig. Die Qualifikation ist aber formal nicht anerkannt, weil die Ausbildung in Damaskus war. Die EDV-Kenntnisse hat er sich selber angeeignet. Wenn er in eine Firma kommt, fragen sie immer nach einem Papier – dabei kann er mehr als das, was auf dem Papier steht.

 

Mohamad – was ist in Syrien passiert und warum bist du geflohen?

Mohamad: Wir haben Krieg, aber ich bekam Geld. Ich hatte auch ein Haus und alles. Als der Krieg in Damaskus angefangen hat, hatte ich mein Haus und mein Internetcafé verloren. Ich war gesund. Meinen Kindern und meiner Frau ging es gut. Ich hatte keine Probleme. Nach ein paar Monaten kam die Polizei und sagte mir, ich sollte mit raus kommen. Ich war dann etwa drei Monate im Gefängnis. Die Regierung hat mir vorgeworfen, dass ich mit der Freien Syrischen Armee arbeite. Die Freie Armee hat mitbekommen, dass ich mit der Polizei in Kontakt war. Sie haben gesagt, dass ich mit Assad arbeite – dann bombardierten sie mein Internetcafé. Meine Wohnung ist auch zerstört. Während ich im Gefängnis war, hat man mir gesagt: „Wir entlassen Sie, aber dafür müssen Sie für uns arbeiten.”

 

Spitzeldienste für das Assad-Regime also…

Mohamad: Ja, genau. Danach war ich draußen. Ich habe zwei Wochen Medikamente eingenommen. Mir ging es nicht gut.

Joachim: Er ist gefoltert worden.

Mohamad: Ich war zwei Monate lang mit 52 Personen in einem winzigen Raum – das waren etwa 25 Quadratmeter. Man hatte keinen Platz zum Schlafen, man musste immer stehen.

 

Wann kam zum ersten mal der Gedanke an eine Flucht auf? War das im Gefängnis?

Mohamad: Ja! Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen, wie wir alle zusammen fahren könnten. Also erst einmal: Sie ist Palästinenserin, sie kann nicht ohne Grund nach Beirut fahren. Wenn wir als Grund gesagt hätten, dass wir in die Türkei fahren wollen, hätte sie ein Visum gebraucht. Ein Visum braucht ein Monat, wenn sie es akzeptieren! Daher fuhr ich zuerst zu meiner Tante in die Türkei. Ich habe gedacht, vielleicht finde ich in der Türkei eine Arbeit. Das war mein erster Gedanke. Mein Vater hat mir aber gesagt, das ist nicht gut. “Du bist Syrer. Ein Türke kriegt 1000 türkische Lira, der Syrer nur 500.”

 

Also Deutschland war nicht von Anfang an das Ziel?

Mohamad: Mein Bruder lebt seit sieben Jahren in Deutschland. Er hat hier seinen Master gemacht. Ich hatte nicht genug Geld mehr, um weiterzufahren. Mein Bruder sagte mir, er kann mir das Geld geben. ‘Glaube mir, Deutschland ist das beste Land’, sagte er.

 

Wie hast du dir Deutschland vorgestellt?

Mohamad: Als ich in Syrien war, hörte ich meinen Bruder immer sagen, dass Deutschland ein so tolles Land und das alles schön organisiert ist. Was du machen willst, kannst du machen, aber es gibt immer Regeln. Meine Mutter – sie besuchte meinen Bruder vor fünf Jahren – hat gesagt, dass es sehr grün in Deutschland ist, viele Bäume und Wälder. In Syrien sehen wir diese Farbe normalerweise nicht.

 

Unternimmt ihr als Pate und „Patensohn” etwas in eurer Freizeit?

Joachim: Wir waren letztens zusammen mit den Kindern im Vivarium, das ist ein Kleintierzoo hier in Darmstadt.

 

Gibt es auch mal Unstimmigkeiten zwischen euch?

Joachim: Er ist Muslim, aber nicht so ein strenger, und ich bin Atheist. Wir haben von Anfang an darüber gesprochen. Das war nie ein Problem. Wir haben auch einen ähnlichen Humor. Das ist auch wichtig. Wenn man dann kleine Tabu-Brüche macht, wird das akzeptiert. Wir sitzen am Tisch und lachen ganz viel.

Mittlerweile eine Familie: Joachim, seine Frau Jutta und Mohamad.
Mittlerweile eine Familie: Joachim, seine Frau Jutta und Mohamad.

Wie gut kennen sich Joachim & Mohamad?

Wir testen es bei einem kleinem Spielchen…hört rein!

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