Wir sehen Lina das erste Mal an einem Nachmittag im März am Bahnhof in Babenhausen. Eine junge, dynamische Frau in grauen Sneakers, einem langen olivbraunem Oberteil mit passendem Kopftuch, das Gesicht leicht erhitzt und etwas außer Atem. „Ich habe hier Fahrrad fahren gelernt. Ein Zahnarzt hat es mir beigebracht“, erzählt sie, als wir zusammen Tee trinken. Das Fahrrad ist für sie mehr als nur ein Fortbewegungsmittel – es ist eine neue Art von Freiheit.

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9.9.2014: Lina bricht mit ihrem 30-jährigen Bruder nach Europa auf. Insgesamt zwei Wochen werden sie brauchen, um Deutschland zu erreichen. Dabei riskieren sie ihr Leben. Zunächst fliegen sie mit dem Flugzeug nach Algerien, von dort aus gehen sie zu Fuß nach Libyen. Zwei Tage müssen sie in der Wüste ausharren, bis sie ein großes Schiff besteigen, das sie über das Mittelmeer bringen soll. „Wir waren etwa eine Stunde auf dem Wasser, als das Schiff anfing zu sinken“, so Lina. Über 200 Flüchtlinge sind im unteren Teil des Schiffes untergebracht. „Die Leute schrien, als das Wasser in das Schiff strömte“, erzählt sie. Aber der Kapitän hörte nicht, dreht nicht um, er drehte weiter Runde um Runde auf dem Wasser. „Er wollte alle töten. Ich weiß nicht warum. Er wollte nicht zurück.“ Etwa 135 sind ertrunken, Lina und ihr Bruder haben es aus dem Schiff geschafft. „Es war kalt und dunkel, weil wir in der Nacht losgefahren sind“, erinnert sie sich. Nach etwa fünf Stunden werden sie von der Küstenwache gerettet und wieder zurückgebracht nach Libyen.

Man könnte meinen, dass man nach so einem Erlebnis nie wieder ein Fuß auf ein Schiff setzt, aber Lina und ihr Bruder wollten nicht in Libyen bleiben und so nahmen sie mit 200 anderen Flüchtlingen ein weiteres Schiff, das diesmal in Italien ankam. Beim zweiten Mal sei es schwieriger gewesen, das Schiff zu besteigen, so Lina. „Ich habe an meine Familie gedacht. Was meine Eltern sagen würden, wenn sie erfahren, dass wir gestorben sind.“

Die Flucht war nicht geplant, so Lina, der Entschluss kam plötzlich. „Mein Bruder hat gesagt, ich muss jetzt gehen.“ Das Leben in Damaskus war nicht leicht für die Journalismus-Studentin. „Wenn man auf der Straße läuft oder einkaufen geht, hätte dich jederzeit eine Rakete töten können”,, sagt Lina, „wir haben unsere Stadt verloren, unser zu Hause“ erzählt sie und zeigt uns ein Bild ihres völlig zerstörten Hauses. Mit 14 weiteren haben sie danach in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung gelebt.

Linas Haus in Syrien
Linas Haus in Syrien

In Deutschland wohnt sie mittlerweile in einer eigenen Wohnung mit ihrem Mann. Das Paar hat sich in Syrien kennengelernt. Nach dem Studium unterrichteten beide Kinder. Sie in Geschichte, er in Mathematik. Es sei gefährlich dort als Journalist zu arbeiten, erklärt sie ihren Berufswechsel. „Vor allem mit Kopftuch ist es schwer“, so Lina. Sie hätten nie über Flucht gesprochen, bis er nach Libanon floh, weil er gezwungen wurde, der Armee beizutreten. „Er wollte weder für das Assad-Regime noch für jemand anderen kämpfen. Wir sind alle aus einer Stadt, aus einem Land.“

„Ich möchte dich heiraten“, schrieb er ihr per SMS aus Libanon. Doch es sollte noch lange dauern. Er hat zwei Jahre gewartet, bis sie in Deutschland angekommen ist. Von dort aus konnte sie ihn endlich nachholen. „Jetzt sind wir verlobt und wollen hier heiraten.“

Was sie hier noch erreichen will? Ein Traum sei, weiter zu studieren, ihren Master zu machen und dann beim Radio zu arbeiten. Am liebsten würde sie aber wieder zurückkehren. „Niemand mag sein eigenes Land verlassen. Ich hoffe zurückgehen zu können, aber ich weiß nicht wann und wie.“ Bis dahin genießt sie die Vorzüge ihres neuen Lebens in Deutschland. „Man muss nicht daran denken, was andere Leute sagen. Das ist total anders, als in Syrien“, erzählt sie. „Als Frau Fahrrad fahren in Syrien ist komisch und viele Leute würden reden. Aber hier ist es total normal.“

Ihr Alltag in Babenhausen unterscheidet sich sehr von ihrem früheren Leben. „Ich mag es zu Hause zu bleiben. In Syrien war ich ganz anders.“ Oft seien Bekannte und Freunde zum Essen vorbeigekommen. In Deutschland sei das anders. Sie fühle sich nicht wirklich angenommen, auch wenn sie selbst keine schlechten Erfahrungen mit Deutschen gemacht habe. „Wir gehören zu den ersten Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind und sie waren sehr nett. Aber jetzt, wo so viele kommen, hat sich etwas verändert.“

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