Persisch, Paschtunisch, Türkisch, Englisch, Usbekisch, Urdu und Deutsch – Navid, ein 23-jähriger Afghane, ist ein wahres Sprachtalent. Die ersten beiden Sprachen werden in Afghanistan gesprochen, die dritte lernte der Automobil-Ingenieur während seines zweijährigen Studiums an der Atatürk-Universität in der Türkei. In seiner Heimat hatte er nicht die Möglichkeit zu studieren – und in Frieden zu leben.

navid2Krieg zwischen Sprachen, Ethnien und terroristischen Gruppierungen

In Afghanistan herrsche ein Krieg zwischen Sprachen, ethnischen Gruppen, der Taliban, der Al-Qaida und dem Daesh. Navid habe es am eigenen Leib erlebt: Er und seine Familie erhielten Drohbriefe von der Taliban, weil der Vater für die National Security arbeitete. „Wenn man die Regeln bricht, töten sie dich”, erzählt Navid. „Das ist kein Leben!”

Navids 12-jähriger Bruder wurde auf seinem Schulweg zwei Mal von der Taliban entführt – und beide Male verlangten sie 10.000 Euro Lösegeld. Als wäre das nicht genug, seien nachts maskierte Mörder unterwegs, die bis heute nicht identifiziert werden konnten. Viel zu gefährlich. Navids Familie sei von Kabul nach Masar-e Scharif gezogen, eine andere Stadt in Afghanistan. Ihm reichte es endgültig: Der 23-Jährige beschloss, mit seiner Frau zu fliehen. ,,Eines Tages werden wir nach Deutschland gehen und unsere Träume leben“, sagte er immer. „Es ist das beste Land, vor allem für Flüchtlinge”.

Hürden überwinden

Zwei Tage harrten Navid und seine Frau an der iranischen Grenze aus – denn sie war geschlossen. Als die Polizei kam, schlugen sie mit Waffen auf sie ein. „Ich kann nicht beschreiben, wie schlimm das war”, erinnert sich Navid. Die Polizei brachte sie ins Gefängnis. Eines Tages ließen sie das Ehepaar zwar frei, schickten sie aber zurück. „Wenn ich euch noch einmal erwische, bleibt ihr vier Jahre im Gefängnis”, soll ein Polizist gesagt haben. Für Navid und seine Frau war das kein Hindernis.

Sie umgingen den Weg und fanden eine alternative Strecke, bis sie eines Tages in die Türkei gelangten. An der iranisch-türkischen Grenze hätte es ebenfalls Probleme und Gewalt gegeben, aber die Polizei habe sie trotzdem durchgehen lassen. 900 Kilometer durch das Land, drei Tage zu Fuß, ohne Essen und Trinken, und zwei Tage mit einem Auto. Unterwegs sahen sie drei Kinder sterben. „Es ist hart”, sagt Navid, „aber man muss stark bleiben.”

Fünf Stunden lang fuhr das Paar mit einem Boot in Richtung Griechenland. Es regnete, das Boot schaukelte. Und mitten im Meer sei der Tank leer gewesen. Navid ist sich sicher, dass das pure Absicht gewesen ist. Ein Fischerboot sei ihnen entgegengefahren, angeblich zufällig, und sie verlangten 100 Euro für fünf Liter Benzin. Was sein musste, musste eben sein. „Die Bootsfahrt war das Härteste in meinem Leben”, sagt Navid. Er hat große Angst vor dem Meer. Als sie unverletzt in Griechenland ankamen, war das Schlimmste für ihn vorüber.

Die Reise ging über die Balkanroute weiter, bis sie eines Tages Fuß auf deutschem Boden fassten. Das war von Anfang an sein sein Ziel. In Deutschland wolle er ein besseres Leben aufbauen. Noch leben sie in einer Notunterkunft in Gießen – mit zwei Hochbetten und Vorhängen, die als improvisierte Wände dienen und etwas Privatsphäre schaffen. „Dieses Zelt ist nicht gut für uns”, sagt er, „Hier können wir uns nicht wohl fühlen”.

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