Hafez lächelt, und die Menschen im Café lächeln zurück. Der 27-Jährige trägt ein dunkelblau-schwarzkariertes Hemd, dunkle Haare und ein gutes Parfum. Als er einen Schluck schwarzen Tee trinkt, fällt unser Blick auf seine Uhr. ,,Die habe ich von meiner Verlobten”, sagt er – und unser Blick wandert auf seinen Ring am rechten Ringfinger. Noch muss er darauf warten, dass seine Verlobte in Damaskus eines Tages nach Deutschland kommen kann. Das dürfte ihm seine Anerkennung, die er am 24. März 2016 erhalten hat, ermöglichen.

HafezRadikaler Lebenswandel

In seinem bisherigen Leben hat Hafez viel erreicht. In Syrien hat er nach der zwölften Klasse den höchsten Schulabschluss erreicht und Rechtswissenschaften studiert. Er arbeitete als Anwalt, unterrichtete an Universitäten, besaß eine nette Wohnung – bis sein Leben eine Kehrtwende einnahm. Nicht nur wegen des Krieges und weil ihn eine Bombe fast getötet hatte. Sondern auch wegen eines neuen Gesetzes, das jungen Männern vorschreibt, dem syrischen Militärdienstes beizutreten. Das kam für ihn nicht in Frage. ,,Ich will gegen keine Menschen kämpfen”, sagt Hafez. ,,Ich will keine Menschen töten”. Er und sein Bruder verkauften einen großen Teil ihres Besitzes, nahmen all das Geld, was sie hatten, und flohen.

Dezember 2014. Hafez und seine zwei Brüder haben es in die Türkei geschafft und fahren von dort aus nach Italien – sieben Tage lang auf einem Schiff mit 500 anderen Flüchtlingen. Das Wetter sei furchtbar gewesen, sagt der 27-jährige Syrer. Tagsüber zu heiß, nachts zu kalt. Sein jüngster Bruder zitterte und hatte blaue Lippen. ,,Außerdem war es stürmig, im Schiff komplett dunkel und die Zustände waren miserabel”, erzählt Hafez. Waschen sei nicht möglich gewesen, eine Toilette hätte es ebenfalls nicht gegeben. Nur ein Loch – und diesen Bereich musste man mit einem Tuch verdecken. ,,20 bis 30 Menschen standen immer an der Warteschlange”, so Hafez. Viele hätten auf Essen und Trinken verzichtet – aus Angst, sich erneut anstellen zu müssen. Hafez selbst habe bis auf wenige Datteln und ein paar Schlucken Wasser nichts zu sich genommen. Das Essen und das wenige Wasser musste fair unter den 500 Schiff-Passagieren verteilt werden. Aber nicht jeder hielt sich daran. ,,Die Menschen haben sich immer gestritten”, sagt Hafez. Er könne es aber nachvollziehen. Schließlich seien alle 500 Menschen auf dem Schiff in einer Stresssituation gewesen, ohne Privatsphäre und ohne genug Wasser. Ein Chaos. Hafez ist sich sicher: ,,Hätte mich jemand getötet, wäre das nicht mal aufgefallen”.

Als wären die fehlenden Hygiene-Möglichkeiten nicht schlimm genug, vermengte sich zusätzlich der Geruch von Sardinen und Erbrochenem zu einem unerträglichen Gestank. Bei Nacht liefen Hafez und seine Brüder zum Schiffsdeck, um frische Luft zu schnappen. Der Gestank sei so unerträglich gewesen, dass Hafez sogar mit dem Gedanken spielte, sich das Leben zu nehmen, ,,um diese Strafe zu beenden”, wie der Syrer sagte. Die Menschen im Schiff wussten nicht, ob es Tag oder Nacht ist. Unklar war zu dem Zeitpunkt auch, wie lange die Schiffsfahrt andauern wird.

Warum Deutschland?

Nach sieben Tagen auf dem Meer kamen sie in Italien an und machten sich von dort aus auf den Weg nach Deutschland. Warum Deutschland? Unter anderem, ,,weil es hier viele Arbeitsplätze und Universitäten gibt”, sagt Hafez. Der Bildunggrad ist in Syrien abhängig von der finanziellen Situation. Nur weil es ihm gut ging, konnte er es sich überhaupt leisten, an syrischen Instituten Englisch zu lernen. Die Sprache spricht er heute sehr gut. Deutsch kann er auch schon so weit, dass er in der Flüchtlingsunterkunft in Babenhausen als Übersetzer arbeitet. Seine Deutschkenntnisse reichen Hafez bisher aber nicht aus. ,,Ich will weiterlernen. Selbst ein Fünfjähriger spricht besser Deutsch als ich”, meint er bescheiden.

Hafez und seine Brüder leben seit November 2015 zusammen mit Mama, Papa und Schwester in einem Asylheim. Für immer will Hafez aber nicht in Deutschland bleiben. ,,Ich träume davon, eines Tages nach Syrien zurückzukehren, um mein Heimatland wieder aufzubauen”, sagt er. ,,Das ist mein Traum.” Seine Wohnung, sein Job und seine Freunde – all dies ließ er in seiner Heimat zurück. In Deutschland fühle er sich wie ein Niemand.

Ein Dank an die Regierung

Hafez ist aber dankbar, hier in Sicherheit sein zu dürfen. „Wenn man in Syrien zur Schule, zur Universität oder zur Arbeit gegangen ist, wusste man nie, ob man wieder zurückkommt”, sagt er. Der 27-Jährige bedankt sich bei der deutschen Regierung und entschuldigt sich dafür, dass sich nicht alle Flüchtlinge in Deutschland benehmen können. ,,Wir sind Gäste und müssen uns dementsprechend verhalten”, sagt Hafez. ,,Wenn ich ein Deutscher wäre, würde ich vielleicht auch wie manch andere sagen, dass es genug ist.”

Mit einigen Deutschen habe Hafez aber auch schlechte Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel, wenn er mit seiner Mutter unterwegs ist, die ein Kopftuch trägt und misstrauisch beäugt wird. Trotzdem: Nach Hafez Einschätzung sind 90 Prozent der Menschen, die er trifft, herzlich und „welcoming“.

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