Eine schulische Ausbildung konnte Khadar in Somalia nicht genießen. Der Grund: Der Bürgerkrieg, der seit über zwei Jahrzehnten in dem somalischen Staat tobt. Die Schulen sind seit dem Sturz des Diktators Siad Barre im Jahre 1991 geschlossen oder zerstört worden. Trotz dieser Umstände beherrscht Khadar gutes Englisch – das hat der 27-Jährige seiner verstorbenen Mutter zu verdanken.

„Sie war gleichzeitig meine beste Freundin, mein Ein und Alles”, sagt Khadar. Sie war gebildet, brachte ihm neben der englischen Sprache auch Mathematik bei. Als sie 2006 an Krankheit starb, litt Khadar monatelang darunter. khadar Die Situation verschlimmerte sich jedoch: Der Ehemann seiner Schwester wurde kurze Zeit später von der extremistischen Al Shabaab-Miliz getötet. Ein Jahr darauf folgt der Tod von Khadars Bruder. Dieser ist zu dem Zeitpunkt Vater eines 17-Tage alten Babys. Das Kind wächst bei Khadars Schwester auf. „Verlasse das Land”, sagte sie damals, „sonst wirst du verrückt.”

„Sie ist wie meine zweite Mutter”, erinnert sich Khadar. In der schweren Zeit, die er durchmachte, hatte er vor allem mit Herzproblemen zu kämpfen – er zeigt uns die Narbe neben seiner linken Brust. Er ließ sich in Uganda operieren. Dazu kommen wir aber später. Im Januar 2011 ging es von Somalias Hauptstadt Mogadischu zuerst nach…

Nairobi, Kenia. „Das war kein gutes Leben dort”, erzählt Khadar. Zwei Monate lang musste er ohne Schlafplatz und mit wenig Essen auskommen. In Nairobi arbeitete er in einem Restaurant, um mit dem wenigen Geld, das er bekam, zu überleben. Arbeitserfahrung hatte Khadar bisher nur als Ladenbesitzer in Mogadischu, das damals seiner Mutter gehörte, wo er aushalf und Lebensmittel wie Reis und Zucker verkaufte. Davon konnte er in Kenia nur träumen. Nach zwei Monaten kam er an in

Uganda. Dort wurde er von einem fremden Mann angesprochen, der Mitarbeiter für eine Tankstelle suchte. Was sich anhört wie ein glücklicher Zufall, wird tatsächlich zum Verhängnis. Nach einem Monat Arbeit bekam Khadar keine einzige Münze. Es kommt zu Reibereien zwischen ihm und dem Geschäftsführer, seine Herzprobleme verschlimmerten sich. Er bekam Herzrasen, kalte Hände und brach plötzlich zusammen. Er wurde ins Krankenhaus transportiert, wo er anschließend am Herzen operiert wurde. Der Arzt habe von einer Herzinfektion gesprochen. So schlecht es Khadar auch ging – nach 14 Tagen Krankenhausaufenthalt zog es ihn ins nächste Land.

Sudan. Diesmal kann man aber wirklich von Glück sprechen, dass ihn erneut ein fremder Mann ansprach. Denn dieser fuhr ihn mit dem Auto in den Süden des Landes und bot ihm sogar einen Schlafplatz bei sich zu Hause an. Der Mann besitzt einen kleinen Laden. Khadar begleitete ihn oft zur Arbeit und packte mit an. Der Laden. Mama. Erinnerungen von seiner Vergangenheit kommen wieder hoch. „Meine Mutter wird immer in meinem Herzen sein, ich werde sie nie vergessen”, sagt er.

Eines Tages lernte Khadar ein paar Kunden kennen, die über ihr Vorhaben, nach Europa zu fliehen, sprachen. Sie weckten Khadars Interesse. „Ich würde gerne mit, aber ich habe kein Geld”, sagte er ihnen. „Wir helfen dir”, versprachen die Männer, „und du hilfst uns unterwegs mit deinen Englisch-Kenntnissen.”

Khadar machte sich mit einer zehnköpfigen Gruppe in Richtung Norden. Mit einem Auto ging es sogar durch die Nubische Wüste, wo sie ganze neun Tage ausharrten. Angst war im Spiel. „Was passiert, wenn das Auto kaputt geht?”, fragte sich Khadar die ganze Zeit. Die Gruppe war nicht alleine in der Wüste. Ganz im Gegenteil: Khadar schätzt, dass es um die 500 Menschen gewesen sein mussten. Er lernte einige Menschen kennen, die sogar seit fünf Monaten in der Wüste lebten. Es wurde immer schlimmer – es gab jeweils ein Glas Wasser, ein kleines Essen (wie etwas Reis oder eine Tomate) pro Tag. Dies konnte Khadar kaum zu sich nehmen, da ihm übel wurde. Auch wegen der fehlenden Hygiene. Einige Frauen hatten Milch dabei und boten es ihm an. Er konnte nicht ablehnen – er musste überleben. Seine Krankheit machte ihn zusätzlich zu schaffen. Die nächste Strecke fuhren sie wieder mit dem Auto – ein Toyota mit 31 Menschen, Männern und Frauen. Nächster Stopp:

Libyen. Um Mitternacht kamen sie in der Stadt Sebha an. In den vier Tagen, die Khadar in dieser Stadt verbrachte, traf er auf viele Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea. Er bekam mit, wie bewaffnete Männer ein 17-jähriges Mädchen wegschleppten. Wohin, ist ihm unklar. Wir ahnen Böses. Nach den vier Tagen kam er in der Hauptstadt an. In Tripolis lebte er in einem Flüchtlingscamp, das ihm – zu unserer Überraschung – ziemlich gut gefallen hat. „Dort war man für sich”, meint er. Es gab Duschen und etwas Obst, das ihnen an die Tür gebracht wurde. Schattenseiten soll es aber auch gegeben haben. Einige Einheimische hätten die Flüchtlinge als „Hunde” beleidigt. Ein Libyer hätte Khadar sogar mit seiner Waffe geschlagen, dabei kam ein anderer Flüchtling dazwischen, um ihn zu beschützen. „Aufhören! Er ist krank!”, soll er gesagt haben. Der bewaffnete Libyer rauchte seinen Joint, sagte „Haut ab!” und ging fort. Nach den drei Monaten im libyschen Flüchtlingscamp in Tripolis ging Khadars Flucht weiter in Richtung Küste. Schmuggler brachten ihn mit einem Boot nach

Malta. Auf dem Inselstaat wurde er ins Gefängnis gebracht. Dort lebte er mit etwa 2000 anderen Inhaftieren, heißt: Privatsphäre gleich null. Er hatte auch ein Interview, bei dem er deutlich machte, dass er hier nicht bleiben will. Sein Ziel war nämlich Deutschland. Warum Deutschland, wollen wir wissen. „Meine Mutter hat mir viel Positves über Deutschland erzählt. Sie wollte damals auch dahin. Außerdem haben wir ein paar Freunde hier”, erzählt er uns.

Nach drei Monaten Gefängnis kam er erst in einen Container mit zehn weiteren Flüchtlingen. Zehn ganze Monate verbrachte er insgesamt auf Malta. Zwischenzeitlich wurde er wieder krank, brach zusammen, wurde ins Krankenhaus transportiert und mit Medikamenten behandelt. Zurück im Container hörte er einem Mann beim Telefonieren zu. Khadar erkannte, dass es sich um den Ehemann seiner Tante handelte. Das Ehepaar lebt in Großbritannien. Khadar nahm mit seiner Familie Kontakt auf, schilderte ihnen seine Situation – und seine Tante schickte ihm Geld zu. Damit kaufte er sich ein Flugticket nach

Frankfurt-Hahn. Das war im Juni 2013. „Ich kam nach Deutschland, um mein Leben zu ändern”, sagt Khadar. Heute lebt er in einer Wohnung in Groß-Zimmern bei Darmstadt. Sein Leben läuft aber völlig anders erwartet: „Ich esse, trinke und schlafe nur – das ist Bullshit!”, sagt er. Er hatte ein paar Mal Deutschkurse besucht, aber diese seien in Kombination mit den Fahrtkosten viel zu teuer. „Das Sozialamt will nichts zahlen”. Jeden Samstag, wie heute, besucht Khadar das Flüchtlingscafé im Halkevi in Darmstadt. Dort trifft er auch auf Ehrenamtler, mit denen er ab und zu auf Deutsch sprechen kann. Eine von ihnen, Doro Köhler, ist Mitbegründerin des Flüchtlingscafés und unterstützt ihn und anderen Flüchtlingen bei der Suche nach Deutschkursen, Jobs und unterstützt bei Bürokratie. Khadar gibt die Hoffnung nicht auf, dass er bald einen geeigneten Deutschkurs findet. Bis dahin lernt er – wie viele andere Flüchtlinge auch – über YouTube.

Advertisements