Fußball ist sein Leben. Drei Bücher hat er bereits über seine große Leidenschaft geschrieben. Der 35-jährige Afghane ist in Iran geboren und aufgewachsen, spielte dort in der Super-League, erschien als gefragter Fußball-Experte im iranischen Fernsehen und ist seit 2003 Manager seiner M9 Academy. Seit Februar 2015 lebt er in Deutschland – und bereits kurze Zeit später erhielt er seinen ersten Trainer-Job im Lande und trainierte die U19 des VFB Gießen. ,,Wir sind wie eine große Familie”, sagt Mohammad.

Das Ziel des 35-Jährigen: Seine Fußball-Universität und sein bereits halb-fertiges ,,M9 Fussballmagazin” hier zu etablieren. ,,Ich glaube, dass ich den Fußball in Deutschland beeinflussen kann”, sagt er entschlossen. Er ist motiviert – und wirkt glücklich und zufrieden. Das konnte er vor Oktober 2013 nicht sein. Denn da ergriff er die Flucht nach Deutschland.

Zu dem Zeitpunkt erhielt Mohammad ein Job-Anfrage von der afghanischen Nationalmannschaft. Das missfiel der Taliban, denn Mohammad ist Schiite (= Anhänger der ,,Shia”, der zweitgrößten Konfession des Islam). Außerdem sahen sie ihn aufgrund seines Wohnortes Iran nicht als vollen Afghanen an. Sie verletzten ihn sogar mit einem Messerstich durch die linke Hand. ,,In Afghanistan gibt es viele Mafias”, sagt Mohammad. Auch in Iran konnte er nicht problemlos leben. Diskriminierung der Afghanen gehört dort zum Alltag – zum Beispiel müssen Iraner und Afghanen auf getrennte Schulen gehen. Ein Zugehörigkeitsgefühl hat Mohammad nicht. ,,Ich gehöre zu keinem Land”, sagt der 35-Jährige. Er wusste, dass er in keinem dieser beiden Länder bleiben kann.

Liebe, Flucht, Qual und Glück

Als er in Afghanistan war, ging er alleine nach Iran, wo er seine Frau Roya kennen und lieben lernte. Sie heirateten – und gemeinsam flohen sie in die Türkei, über die Balkanroute bis nach Deutschland – 16 Monate lang. Wieso so lange? Das Paar lebte auch in Österreich, und allein in der Schweiz blieben sie länger als ein halbes Jahr. In beiden Ländern arbeitete Mohammad als Fußball-Trainer. Aufgrund ihrer Registrierung in Bulgarien wurden er und seine Frau abgeschoben. Zu dem Zeitpunkt war Roya im sechsten Monat schwanger. Einen Teil ihrer Flucht haben sie also zu dritt gemacht. Mohammad erinnert sich an die schlimmsten Momente seiner Flucht – die haben wenig mit ihm selbst zu tun. Er machte sich große Sorgen um seine schwangere Frau. Irgendwo zwischen Bulgarien und Serbien liefen sie 18 Stunden im Schnee, das bis zu den Knien reichte. In Ungarn mussten sie durch ein überschwemmtes Feld laufen. Das Wasser reichte bis zum Oberkörper. Als wäre das nicht genug körperliche Anstrengung, mussten sie sich oftmals vor der Polizei verstecken, sich hinlegen, setzen, rennen.

Letzten Endes kam das Paar gut in Deutschland an, auch das Baby: Ala, ein Mädchen, kam am 11. Mai 2015 in Gießen gesund auf die Welt. Mohammad bekam in der ersten Woche in Deutschland einen Trainer-Job, die Familie wohnt seit Februar 2015 in einer eigenen Wohnung, Mohammads Frau leide aber unter Knieproblemen, fühle sich jede Nacht gestresst und denke oft an das Erlebte zurück. ,,Ich möchte meine Vergangenheit vergessen”, sagt Mohammad. In seine Heimat möchte er niemals zurück.

Ein Blick in die Zukunft

Er blickt optimistisch in die Zukunft: Er will seine Fußball-Universität M9 Academy hier etablieren und sein Fußball-Magazin fertig erstellen. Außerdem macht er gerade seinen Führerschein, schreibt unzählige Bewerbungen für Jobs und ein Studium. Sportwissenschaften hat er bereits im Visier. Mohammad spricht Dari, Persisch, Englisch, Türkisch, Arabisch und Deutsch – für letzteres hat zwar drei Monate einen Deutschkurs belegt, aber seine guten Kenntnisse hat er sich hauptsächlich durch das Internet beigebracht. Seine Frau hat er neulich auch für einen Deutschkurs angemeldet – wenn sie dann nicht zu Hause ist, hat Mohammad genug Zeit für seine kleine Tochter Ala.

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