Deutschland war nicht sein Ziel. Warum nicht? „Weil ich über Deutschland Bescheid wusste“, erzählt uns Ahmad. Er habe von der Kultur und über die Menschen gehört, dass sie nicht einfach seien. Man kann sich nicht integrieren, wenn man keine blaue Augen hat, sagte man ihm. Ob das seiner Meinung nach stimmt, fragten wir. “Ja”, sagt er, “sie hatten recht.”

Ahmad A. ist ein studierter Mann. Der 32-Jährige hat an einem Sprachinstitut Englisch studiert und in der Regierungsverwaltung gearbeitet. Es sei ein guter Job gewesen, eine gute Mission. „Wir haben denjenigen Hilfe gegeben, die leiden – die ihr zu Hause verloren haben oder nicht genug zu essen haben“, so Ahmad. Er kommt aus einem Dorf, das 40 Kilometer von Damaskus entfernt ist. Einmal ging eine Bombe neben ihm hoch.

Post It AhmadEr hat zu viel gesehen, erzählt uns Ahmad bei Tee, Kaffee und heißer Schokolade. Er macht mit der Hand eine Geste vor seinen Augen, als ob er die Erinnerungen am liebsten wegwischen würde. Auf dem Weg zur Arbeit nahm er immer denselben Bus mit acht Kollegen. Eines Tages hielten Soldaten des Regimes den Bus an und verhafteten einen von ihnen. Ein paar Tage später passierte dasselbe. „Wir fragten uns irgendwann, wer der Nächste sein wird.“ Viele seiner Freunde wurden verhaftet, ohne Anschuldigung. „Ich habe nie wieder von ihnen gehört“, so Ahmad, „die Menschen sterben in den Gefängnissen.“ Ein Freund von ihm hat nur überlebt, weil seine Eltern ihn freikauften. Dieser erzählte ihm vom Leben hinter syrischen Gittern. 60 Personen seien in einem Raum gewesen, Privatsphäre gleich null. Kein Platz zum Sitzen oder Liegen. Sie hätten sich abwechselnd hingehockt, immer nur für ein paar kostbare Minuten.

Der Druck auf Ahmad wuchs immer weiter. Er sollte dem Militärdienst beitreten. „Sie brauchen mehr Soldaten, das ist unvermeidbar“, sagte er. Zwei seiner Cousins wurden verhaftet, weil sie sich weigerten. Er bekam es mit der Angst zu tun. Schließlich drängten ihn seine Eltern zur Flucht.

Zwei Optionen: Am Leben bleiben oder Sterben

Am 01. September 2015 verließ er seine Heimat. Zunächst ging es nach Libanon, dann in die Türkei und von dort aus nach Griechenland. „Es war sehr gefährlich, aber wir hatten auch Glück“, so Ahmad. In einem kleinen Boot sollten sie das Meer überqueren. Es waren nur 37 Menschen an Board, wo normalerweise etwa 50 Flüchtlinge in einem Boot sitzen. Schlimmer war für ihn die Ankunft auf der Insel Samos. Sie sind nicht am Strand an Land gegangen, sondern mussten felsige Klippen erklimmen. Auch Frauen und Kinder sind diese etwa 300 Meter hochgeklettert. „Wenn du abrutschst, stirbst du“, so Ahmad, „Es gab immer nur zwei Optionen: Am Leben bleiben oder sterben. Ich habe mich manchmal gefragt, warum ich das mache.“ Hiernach ging es über die Balkanroute weiter bis zur Ankunft in Deutschland am 22. September 2015, wo er Asyl beantragte.

„Ich hasse dieses Wort“, sagt Ahmad und verzieht das Gesicht. Nach der US-Invasion im Irak hätten die Syrer drei Millionen Iraker aufgenommen, ihre Häuser für sie geöffnet und Hilfe angeboten. Hier in Deutschland gab es nur einen, der ihm ein ähnliches Gefühl vermittelt hat. Nach seiner Ankunft wohnte er zwei Wochen lang in einem kleinen Dorf, dort traf er Mister Klaus. „Ich bin ihm so dankbar für seine Hilfe“, erzählt er. Mister Klaus war ein Nachbar, der ihn zunächst auf Deutsch ansprach und ihn dann zum Kaffee mit seiner Frau und Tochter einlud. „Es hat sich ein bisschen so angefühlt wie in Syrien.“ Grundsätzlich fühle er sich hier willkommen. „Manche Menschen sind so freundlich, aber andere sind misstrauisch.“ Sie sagten es mit den Augen, mit den Gesten und manchmal auch mit Worten, wie an dem einen denkwürdigen Tag, von dem er uns erzählt.

Es passierte in einem Fitnessstudio. Er und seine Freunde wollten sich registrieren und fragten eine Frau am Empfang nach Informationen. Sie sprachen sie auf Englisch an, woraufhin sie weg ging. Sie kam wieder, mit einem riesigen Mann im Schlepptau, erinnert er sich. Dieser warf sie mit den Worten „Ihr verdient es nicht in Deutschland zu sein“ heraus. Ahmad kann das nicht verstehen. „In Damaskus respektieren wir uns, auch wenn es ein Problem gibt.“

Alles wird geteilt

Überhaupt war für ihn vieles anders in seiner Heimat. Sie waren verhältnismäßig wohlhabend, erzählt uns Ahmad. Mit zwei Häusern, einem Auto und 80 Hektar Land. „Die Wahrheit über Syrien“, so sieht es Ahmad, „sieht so aus: Eine gute Kultur, eine gute Gemeinschaft, eine gute Zivilisation. Wir haben hohe Standards.“ Das sei aber vor dem Krieg gewesen.

Jetzt lebt er in Butzbach – kein Ort, an dem sich der lebenshungrige Syrer wohlfühlt. „Es ist okay, aber sehr klein und langweilig.“ In Syrien ist der Freitag der freie Tag der Woche, so wie Sonntag in Deutschland, aber die Straßen seien immer überfüllt von Menschen gewesen. „In Syrien kannst du das Leben sehen “, ruft Ahmad strahlend, wie immer wenn er von seiner Heimat spricht. „Hier in Butzbach ist nichts am Sonntag, die Straßen sind leer, keine Menschen.“ Es sei schwer für ihn, sich hier ein Leben aufzubauen. „Die Jobcenter bevorzugen Deutsche“, sagt er. Er würde gerne in einer großen Stadt wie Frankfurt oder Nürnberg leben, kann es sich aber nicht leisten. In Nürnberg wohnt auch sein kleiner Bruder, der zuerst aus Syrien geflohen ist. Jetzt lebt er mit 15 Personen in einem weißen Haus. Er teilt sich einen Raum mit einem anderen Flüchtling aus Damaskus. Ein Freund, wie er sagt, aber er könne sich nicht gut konzentrieren beim Deutsch lernen. „Wir teilen alles, auch Gewohnheiten und Religion“, so der Syrer, „dennoch ist es schwer.“

Syrien wird nicht wieder aufgebaut

Trotz der Blicke, Gesten und Worte, die ihm manchmal in Deutschland begegnen, hat er Ziele hier. Sie klingen bescheiden: Alleine leben, damit er sich wieder konzentrieren kann, seinen Deutschkurs beenden, damit er arbeiten kann. „Ich weiß nicht, was für eine Art von Job ich hier bekommen kann“, sagt der Mann mit Universitätsabschluss resigniert. Er plant in Deutschland zu bleiben, seinen Abschluss anerkennen zu lassen und sich hier ein Leben aufzubauen. Und das, obwohl er spüre, dass sich etwas verändert hat nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln. „Die Menschen haben sich eine Meinung über Flüchtlinge gebildet, aber in die falsche Richtung“, sagt der 32-Jährige. Er hält eine Hand hoch, die Finger ausgestreckt. „Nicht alle deine Finger sehen gleich aus“, erklärt Ahmad, „es können auch schlechte Personen unter den Flüchtlingen sein.“ Er und seine syrischen Bekannten aus Butzbach verurteilen die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht. Sie haben danach ein Zeichen gesetzt, in dem sie in der Stadt protestierten. Sie wollten deutlich machen, dass sie Frauen respektieren – das gehört zu ihrer Kultur. „In Syrien ist es eine Schande, wenn du nicht für eine Frau aufstehst in einem Bus.“

Seine Eltern, zwei Brüder und zwei Schwestern leben immer noch dort. „Ich vermisse sie jeden Tag so sehr.“ Zurückzukehren ist aber keine Option für ihn. „Sie werden unser Land nicht wieder aufbauen, vielleicht in 20 Jahren“, so Ahmad. All die Friedensgipfel im Fernsehen könne man vergessen. „Es ist ein Traum, die Wahrheit ist anders.“

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