Mit der Flüchtlingskrise im letzten Jahr brach in Deutschland auch eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Flüchtlinge wurden jubelnd an Bahnhöfen willkommen geheißen, es gab teilweise sogar zu viele Ehrenamtler. Kay Anja Schüler ist Sozialarbeiterin und ist seit Dezember 2015 in einer Flüchtlingsunterkunft in Seligenstadt tätig. Wir haben mit ihr über ihren Alltag mit Flüchtlingen und die Rolle von Sozialarbeitern & Ehrenamtlern gesprochen.

Im Zuge der Flüchtlingskrise wurden die zahllosen Ehrenamtler in den Medien gefeiert.
Zu Recht?

Die Ehrenamtler sind einfach die, die automatisch mehr im Fokus der Medien stehen, weil wir Sozialarbeiter für unseren Job bezahlt werden. Die Leute, die für ihren Job bezahlt werden, sind in der Regel nicht diejenigen, denen man dankt. Das ist auch vollkommen in Ordnung so. Die Ehrenamtler brauchen das. Es ist nötig, dass es so gehandhabt wird. Aber mein Appell ist einfach, die Hauptamtler dabei nicht zu vergessen, weil sie eben auch ihren Teil der Arbeit dazu beitragen und dieser sich in der Regel sehr von der Arbeit der Ehrenamtler unterscheidet.

Inwiefern?

Wir Sozialarbeiter machen Rechtsberatung, begleiten das Asylverfahren und treten mit Anwälten in Kontakt. Letzteres macht auch mal ein Ehrenamtler, aber wenn es darum geht, dass Bescheide eingehen, Fristen und Interview-Termine gewahrt werden, dass die Leute überhaupt informiert werden, wann ihr Interview-Termin ist und darauf vorbereitet werden. Das unterscheidet die Arbeit von den Ehrenamtlern enorm.

Gerade gestern hatten wir den Fall, da sind E-Mails aus Gießen nicht durchgekommen. Da hieß es auf einmal: ‘Ach ja übrigens, morgen Interview-Termine.’ Und dann kamen noch 20.000 E-Mails mit Interview-Terminen für die ganze nächste Woche, um uns dann heute Morgen mitzuteilen, dass die Interviews nicht in Gießen stattfinden, wo sie eigentlich immer hingegangen sind, sondern in Büdingen. Das sind so Sachen, das kriegen die Ehrenamtler nicht mit. Anträge schreiben, wie Wohnungsanträge beziehungsweise Anträge auf Erstausstattung, Anträge auf Familienzusammenführungen, generell Familienzusammenführungen. Das sind alles Dinge, da sind Ehrenamtler unterstützend tätig, aber die Hauptkommunikation läuft zwischen den Behörden, den Ämtern und den Sozialarbeitern. Die Behörden sind Ehrenamtlern gegenüber auch nicht zur Aussage verpflichtet, mit unserem Dienstausweis sind das die Behörden wohl. Wir können auf einer wesentlich offizielleren Ebene mit den Behörden und Ämtern zusammenarbeiten, als es Ehrenamtler können, das liegt einfach in der Natur der Sache.

Haben Sozialarbeiter den stressigeren Job?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Wir Sozialarbeiter haben im Normalfall, wenn wir unseren Job professionell machen, nicht den emotionalen Stress, den ein Ehrenamtler in der Regel hat. Ein Ehrenamtler hat nicht das Nähe-Distanz-Verhältnis, was wir in unserer Ausbildung lernen und notwendig ist, egal in welchem Bereich der Sozialen Arbeit man tätig ist. Viele bringen das natürlich mit, aber trotzdem ist da einfach ein emotionaler Verbund zu der Person da – eine Beziehung, die sich intensiver aufbaut, als das was ich oder meine Kollegen zulassen.

Hinzu kommt, dass wir natürlich unsere Arbeitszeiten haben. Ich bin montags bis freitags da, aber am Wochenende habe ich mein Handy aus. Das heißt, ich werde am Wochenende nicht angerufen. Ein Ehrenamtler gibt seine Privatnummer heraus, der wird vielleicht auch mal am Wochenende oder in der Nacht angerufen, wenn hier Stromausfall ist zum Beispiel. Diese Distanz ist einfach nicht so zu wahren, weil die Gegebenheiten für die Ehrenamtler nicht so strukturiert sind, wie für uns. Andererseits kann ein Ehrenamtler natürlich jederzeit sagen: ‘So, jetzt bin ich raus. Das macht der Sozialarbeiter’ oder ’Ich ziehe mich komplett aus der Ehrenamtlichen Arbeit zurück, darauf habe ich jetzt keine Lust.’ Er kann jederzeit einfach die Notbremse ziehen, was wir nicht können.

Wie würdest du die Beziehung zwischen dir und ehrenamtlichen Mitarbeitern beschreiben?

Kollegial eigentlich. Es gibt natürlich Ehrenamtler, die machen Dinge,bei denen mir die Haare zu Berge stehen und ich mir denke: ‘Das ist so falsch, warum machst du das denn?’ Aber ohne die Ehrenamtler wäre die Arbeit absolut nicht machbar und deswegen bin ich unglaublich dankbar, dass es sie gibt. Hier in Seligenstadt sind es unfassbar viele und unfassbar gute. Eine hat kurz vor einer schweren Operation noch für zwei Flüchtlinge eine Wohnung gefunden und noch alles in die Wege geleitet, dass die Wohnungen bezogen werden können. Die erbringen teilweise echt Bärenleistung.

Hattest du vorher schon mal mit Flüchtlingen zu tun?

Zwei von Kays Schützlingen
Zwei von Kays Schützlingen

Nein, noch gar nicht.

Warum hast du dich dann für diesen Job entschieden?

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mit selbstbestimmten Menschen zu arbeiten. Ich habe vorher in der Behindertenarbeit, der Suchthilfe und der Geriatrie gearbeitet, also Hospizarbeit gemacht. Da sind die Menschen in der Regel nicht selbstbestimmt. Also jetzt mal ganz krass gesagt: Wenn ich meine Arbeit nicht richtig mache, sterben diese Menschen. Das war etwas, was ich nicht mehr wollte. Wenn ich einen Fehler mache, können enorme Folgen passieren. Das kann hier selbstverständlich auch passieren, aber wenn ich hier jetzt in einer Beratungssituation bin und einem Menschen erkläre: ‘Du musst das und das tun“‘und er ist kognitiv, physisch und psychisch dazu in der Lage das zu verstehen dann kann ich sagen ‘Ja, okay, und wenn er das jetzt nicht macht, dann ist es nicht meine Schuld.’ Dann muss ich diese Last nicht auf mich ziehen.

Wie ist dein Verhältnis zu den Flüchtlingen hier?

Ich habe den Eindruck, dass es gut ist. Wenn ihr zehn Flüchtlinge fragt, kriegt ihr wahrscheinlich zehn verschiedene Antworten, das ist ganz klar. Einige sind sich sehr bewusst, dass es eine Arbeitsbeziehung ist. Andere fühlen sich vernachlässigt oder sagen ‘Ach, die Kay, die macht nichts. Sie sitzt den ganzen Tag nur hier im Büro und ist am Telefonieren, arbeitet aber nicht wirklich.’ Das sind ganz verschiedene Wahrnehmungen, teilweise kommen auch solche Rückmeldungen…

[Sie holt einen Teller mit einem flachen Gebäck hervor.]

Bei so was merke ich immer, dass ich meinen Job ganz gut mache, weil ich hier regelmäßig Essen kriege. Das ist kurdisches Brot mit Lauch und Frischkäse gefüllt. Es ist teilweise so, dass drei Mal am Tag jemand vor mir steht und sagt: ‘Ich habe dir etwas gemacht.’ Daran glaube ich schon zu merken, dass das Verhältnis gut ist.

Du hast also noch nie Probleme gehabt mit Flüchtlingen?

Natürlich gibt es auch einige, die immer mehr wollen, wollen, wollen. Das ist ganz normal. In jeder Kultur gibt es Mentalitäten, die ihre Sachen selber erledigen möchten, zwar Unterstützung annehmen, aber die Hauptlast selber tragen wollen. Und dann gibt es Leute, die sagen: ‘Und jetzt mach mal. Du wirst dafür bezahlt. Du machst mir jetzt gefälligst alles!“

Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft beim Cricket spielen
Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft beim Cricket spielen

Für wie viele Flüchtlinge bist du hier zuständig?

Hier gerade 120. Der Betreuungsschlüssel in der Flüchtlingsarbeit liegt im Regelfall bei 1 zu 100. Das heißt, es kümmert sich einer um 100 Flüchtlinge.

 

 

Ehrenamtliche Helfer sind also wichtig, um die Arbeitslast zu bewältigen…

Sie sind unabdingbar. Ohne Ehrenamtler geht diese Arbeit tatsächlich nicht. 1 zu 100 , bedeutet: Ich habe pro Flüchtling, pro Woche 20 Minuten Zeit. That´s it. Und das ist scheiße wenig. Wenn ich auch nur eine Arztbegleitung machen muss, sind das schon mal locker zwei Stunden. In den zwei Stunden bin ich für die anderen 99 Flüchtlinge nicht da. Und natürlich gibt es oft Doppelungen von Terminen, meine Kollegin geht jetzt zum Beispiel in denUrlaub. Eine ihrer Klientinnen hat ein Baby geboren, das behindert ist, eine andere liegt jetzt mit Kaiserschnitt im Krankenhaus und dann hat sie noch eine Abschiebung, die bevorsteht. Das heißt: Ich habe jetzt in den nächsten zwei Wochen einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 220, habe die Notfälle plus noch das Alltagsgeschäft. Und wenn ich dann keine Ehrenamtler hätte, die sagen ‘Du, den Termin kann ich machen’, dann funktioniert das ganze System nicht.

Es gab diese riesen Welle der Hilfsbereitschaft im letzten Jahr. Hast du das Gefühl, dass sich etwas geändert hat in der Einstellung gegenüber Flüchtlingen?

Die Hilfsbereitschaft ging ja vor allem von Studenten und Studentinnen aus, die sich im vergangenen Sommer an die Bahnhöfe gestellt haben. Wir haben vor einigen Monaten an jede ASTA, jede Hochschule im Rhein-Main-Gebiet geschrieben – wir haben keine einzige Antwort erhalten.

Die Ehrenamtler, die beständig arbeiten, sind tatsächlich die, die am stillsten sind. Die nicht diese Medienwirksamkeit suchen und sich an Hauptbahnhof stellen. Ich möchte das nicht schlecht reden! Das war eine schöne Geste, das war eine wichtige Geste. Das war notwendig und sehr wertvoll. Aber die nachhaltige Arbeit passiert im Stillen.

 

 

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