Luisenstraße 2, Darmstadt. Menschliche Umrisse in schwarz, die einen Zaun hochklettern und beschriftet sind mit den Worten „Gegen Ausgrenzung”, „Überleben”, oder „Freie Bewegung” – das ist ein Beispiel dafür, was neben der Eingangstür auf einem weißen Laken zu sehen ist. Es ist die Rede von dem Eingangsbereich des Halkevi e.V. – einem türkischen Verein, der hier öfter Musikkurse, Theater – und Literaturgruppen, Filmclubs und Hausaufgabenhilfe anbietet und Kinoabende veranstaltet. Doch seit Juli 2015 ist der Halkevi auch ein Ort, in dessen Räumen sich jeden Samstag Geflüchtete und Einheimische treffen. Das Konzept trägt Früchte: Jede Woche kommen mehr als 40 Menschen aus verschiedenen Ländern. Das sogenannte Refugees Welcome Café bietet sowohl Flüchtlingen als auch Aktivisten die Möglichkeit, miteinander zu reden, zu kochen, Beratung und Unterstützung zu finden.

Haydar, ein Ehrenamtler im Halkevi, begrüßt uns und bietet uns Çay in einem türkischen Teeglas an. Es ist rot, bitter im Geschmack, und um es trinken zu können, verrühren wir mit einem winzigen Löffel etwas Zucker in den Tee.

Türkischer Çay
Türkischer Çay

Wir blicken um uns: Das Refugees Welcome Café ist relativ klein, aber gemütlich. Wir sitzen in einer Art Gemeinschaftsraum mit zwei Tischen, mit Leder bezogenen Bänken, vielen Stühlen, einem großen Bücherregal, einer Ecke mit einer Stereoanlage und türkischen Instrumenten. Die Wände sind orange und weiß, überall hängen diverse Pinnwände, Plakate und Bilder, die überwiegend Diskriminierung, Gewalt, Menschenrechte und Rassismus thematisieren.

Die offene Küche nebenan ist zwar eng, aber mit Kühlschrank, Spülbecken, Schränken, Geschirr und diversen Küchenutensilien mit allem Notwendigen ausgestattet. Gegenüber des Halkevi-Eingangs befindet sich ein kleiner Raum, der auf den ersten Blick einsam wirkt. Es ist etwas dunkel, denn die Gardine lässt wenig Licht durchdringen. Ein alter Computer, der Kinder der 90er an ihre Vergangenheit erinnert, befindet sich auf der rechten Seite. Krempelzeug versteckt sich hinter grünen Vorhängen. Sonst ist der Raum leer. Aber nicht mehr lange.

Foodsharer bringen viel Obst und Gemüse ins Halkevi
Foodsharer bringen viel Obst und Gemüse ins Halkevi

Es ist 14.20 Uhr, die Foodsharer kommen mit haufenweise Kisten voller Obst, Gemüse und weiteren Lebensmitteln ins Halkevi. Ehrenamtler packen mit an, darunter auch Haydar. „Das ist alles für unsere Gäste – egal welche Farbe, egal welcher Herkunft, egal ob Kinder oder Erwachsene – alle können kommen.” Die ersten Gäste betreten das Refugees Welcome Café, während noch gehämmert wird und ein Mann an einem kaputten Stuhl bohrt.

Das Halkevi füllt sich immer mehr und es dauert nicht lange, bis es anfängt nach Essen zu riechen. „Ihr müsst in eurer Reportage schreiben, dass heute nur wir Männer kochen”, ruft uns ein Mitarbeiter zu und lacht. Es gibt Hähnchenschenkel, Reis und Kartoffeln mit einer braunen, herrlich duftenden Soße. Und Blattsalat.

Wir treffen uns mit Petra und (einer anderen Frau namens) Doro – zwei Ehrenamtlerinnen, die von Anfang an beim Refugees Welcome Café dabei sind. Geplant ist ein kurzer Abstecher ins Frauencafé, das an diesem Tag eröffnet wird und nicht weit vom Luisenplatz entfernt ist. Nach einem kurzem Smalltalk unterwegs erreichen wir unser Ziel.

Rheinstraße 12 c. „Migrantinnen Darmstadt und Umgebung e.V.” und „Internationales Kulturzentrum e.V.” steht am Eingangsbereich des Gebäudes. „Das sind die Träger”, erklärt uns Angelika, eine Ehrenamtlerin. Wir laufen ein paar Treppenstufen hoch. Eine lächelnde Dame indischer Herkunft öffnet uns die Tür.

Die Träger des Frauencafés
Die Träger des Frauencafés

Vandana ist ihr Name, eine Sozialarbeiterin und Beraterin, die sich seit 2011 aktiv an der Flüchtlingsarbeit beteiligt. Ihr Sohn malt und bastelt mit drei weiteren Kindern an einem Tisch im Flur, das gleichzeitig ein Zwischenraum ist. Eine kleine Küche befindet sich direkt dahinter. In einem weiteren Raum links treffen wir Nurcan, alleinerziehende Mutter und Ehrenamtlerin türkischer Herkunft, die mit einer Äthiopierin, mehreren Afghaninnen aus Iran und mit Lyla (Informatik-Studentin und Dolmetscherin von „Teachers on the road”) zusammen am Tisch ist. Petra, Doro, Vandana und wir setzen uns dazu. „Wir wollen heute über Gefühle sprechen, die bisher aufgrund der Kultur unterdrückt worden sind”, sagt Nurcan langsam und deutlich. Doch zuerst beginnt eine Vorstellungsrunde. Eine Frau fällt uns besonders auf.

Zahra (25), eine moderne Afghanin aus Iran. Mit ruhiger Stimme erzählt sie auf gutem Deutsch ihre Geschichte. Sie ist die Einzige in der Runde, die nicht auf die Dolmetscherin angewiesen ist – ganz im Gegenteil, Zahra selbst hilft ihr manchmal bei der Übersetzung auf Deutsch. Am Ende ihrer Geschichte folgt eine kurze Pause, bevor alle Frauen anfangen zu applaudieren. Verblüffung. Ihre Deutschkenntnisse sind beeindruckend für die sechs Monate, die sie bisher in Deutschland verbracht hat.

Hähnchenschenkel & Reis - yummy!
Hähnchenschenkel & Reis – yummy!

Angelika, eine weitere Ehrenamtlern, die das Frauencafé organisiert, bringt einen Obstsalat. Inzwischen ist auch Haydar vom Halkevi eingetroffen, um zu fragen, wer Hunger hat. Kurze Zeit später bringen die Männer vom Refugees Welcome Café einen riesigen Topf mit Hühnchen und Reis mit. Der Duft erfüllt den ganzen Raum. Mahlzeit!

Maria Merla ist mit ihren Wörterbüchern bestens ausgerüstet
Maria Merla ist mit ihren Wörterbüchern bestens ausgerüstet

Wir kehren zurück zum Halkevi. Die Bude ist inzwischen voll. Wir treffen auch auf eine Deutsche mit dem klangvollen Namen Maria Merla. Eine Frau, die Arabisch und Persisch spricht, Urdu, Amharisch und Farsi lernt und begeistert ist von der Idee des Refugees Welcome Cafés. Jedes Gespräch mit einem Geflüchteten sei für sie eine Bereicherung. „Es ist zum Heulen, was am Rande der Gesellschaft passiert”, sagt Maria, „Wenn AfD-Wähler hier zwei Stunden verbringen würden, würden sie ganz anders denken.”

Von links: Abdulatif, Tamerat mit seinen beiden Töchtern und Mustefa
Von links: Abdulatif, Tamerat mit seinen beiden Töchtern und Mustefa

In der restlichen Zeit unterhalten wir uns mit verschiedenen Personen, unter anderem mit Mustefa (26 Jahre) und Abdulatif (22) aus Äthiopien, die aus politischen Gründen aus ihrer Heimat geflohen sind und seit knapp zwei Jahren in Deutschland leben. Sie besuchen das Refugees Welcome Café regelmäßig und kommen unter anderem, um über Probleme zu reden, Informationen auszutauschen und Hilfe bei der deutschen Bürokratie zu bekommen. „Frau Doro hilft”, sagen die Asylsuchenden immer liebevoll auf Deutsch. Sonst sprechen sie nur Amharisch. Tamerat vom Deutschen Roten Kreuz hat selbst äthiopische Wurzeln und hilft uns bei der Übersetzung.

Tamerats beiden Töchter spielen im kleinen, etwas abgedunkelten Raum – Rebka sitzt am Computer, Ruth malt am Tisch. Wir helfen Rebka bei der Suche nach einem Computerspiel, bis sie sich für ein Back-Spiel entschieden hat. Mit strahlenden Augen bedankt sie sich bei uns. „Euer Papa ist sehr nett”, sagen wir. „Wo ist eure Mama?” Ein kurzes Zögern. „Oben” sagt Ruth und deutet mit dem Finger zur Decke. Ob sie oben im Haus sei, fragen wir.  „Im Himmel”, sagt das Mädchen nüchtern. „Sie ist vom Bett gefallen.” Stille.

Betroffen kehren wir zurück in den Gesellschaftsraum. Wir bringen die letzte Stunde mit Ehrenamtlern und Geflüchteten,  lachen viel und merken dabei nicht, wie schnell die Zeit verfliegt. Wir verabschieden uns –  an der Tür kommen Tamerats beiden Töchter zu uns gerannt, um uns eine Umarmung zu geben. Dabei drücken sie uns ein großes Papier in die Hand. „Hier, das haben ich und meine Schwester für euch gemalt”, sagt Ruth. Eine Landschaft, ein Himmel, ein Herz, eine Sonne, Blumen, Musiknoten und Schweinchen sind auf unseren Bildern zu sehen. Uns wird es warm ums Herz. Wir sind uns einig: Nächste Woche kommen wir wieder.

In unserer Bildergalerie haben wir ein paar Impressionen für euch gesammelt – darunter auch die Kunstwerke von Ruth und Rebka.

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