Wir treffen uns im Frauencafé in Darmstadt. Soraya hat auffällige grüne Katzenaugen, stark aufgemalte Augenbrauen und ein Muttermal über ihrer Oberlippe. Sie will auf dem Foto nicht erkannt werden. Wie viele andere hat auch sie Angst um die Sicherheit ihrer Familie.

Soraya ist Mutter von drei Kindern und aus dem Iran geflohen. Sie lebt seit neun Monaten in Deutschland, kann aber noch kein Wort Deutsch. Wir sind auf Hilfe angewiesen und so übersetzt Zahra, eine Freundin Sorayas (selbst Geflüchtete) für uns. Ihr jüngster Sohn Navid (9) ist ebenfalls da. Ein dünner Junge in weißem Sport T-Shirt, der die ganze Zeit am Smartphone spielt und vor sich hin kichert. Ihre anderen Kinder sind 12 und 14 Jahre alt. „Drei Söhne, leider keine Tochter“, sagt sie lächelnd. Zusammen mit ihrem Mann sind sie aus dem Iran geflohen, erzählt sie. Sie spricht sehr leise, flüstert es Zahra fast ins Ohr.

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Sie ist in Afghanistan geboren, lebte aber im Iran. „Ich kann nicht weiter leben im Iran“, sagt die 34-Jährige, „Wir werden nicht gut behandelt dort.“ Afghanen bekämen keine Dokumente im Iran, sodass sie nicht richtig arbeiten können. Ihr Mann ist Handwerker und musste seine Familie durch Schwarzarbeit ernähren. Auch die Schwarzarbeit sei befristet, immer nur für ein, zwei Jahre. „Was danach kommt, weiß man nicht.“ Normalerweise dürfen afghanische Kinder auch nicht auf iranische Schulen gehen, so Soraya. Ihre Kinder konnten zwar eine solche Schule besuchen, da sie gute Kontakte zu Iranern hatte, die ihr geholfen haben, aber sie bekamen kein Zeugnis. „Sie können lesen und schreiben, finden aber keine Arbeit ohne Zertifikat“, erklärt uns die Mutter. Diese Problematik gehe sogar so weit, dass viele junge afghanische Männer für Dokumente in den Krieg nach Syrien ziehen, erzählen uns die Frauen. Die Regierung gebe diesen Männern bei ihrer Rückkehr offizielle Papiere. „Aber es werden so viele getötet. Das will ich nicht für meine Kinder“, sagt Soraya.

Und so brachen sie als Familie im Sommer 2015 auf, zunächst in die Türkei. In Ankara angekommen stiegen sie in einen Van. 40 Menschen quetschten sich in das Fahrzeug, eine unerträgliche Situation, vor allem für die Kinder. Es gab kaum Platz und es war sehr warm, erzählt uns Soraya. Ihr sei so schlecht gewesen, dass sie sich übergeben musste. Sie wollten nach Izmir, wurden jedoch mehrfach von der Polizei erwischt und nach Ankara zurückgeschickt. Nach drei Versuchen schafften sie es endlich.

Um vier Uhr Nachts bestiegen sie in Izmir ein Boot nach Griechenland. Über 40 Flüchtlinge mussten in dem drei Meter breiten und acht Meter langen Boot Platz finden. Es gab keinen Kapitän und niemanden, der das Boot lenkte. Sie mussten den Weg alleine finden. „Wir hatten Angst, weil wir nicht schwimmen können“, erzählt Soraya und streicht mit einem Finger über ihre Augen, „die Kinder haben ständig geweint.“

Auf einer griechischen Insel seien sie zwei Tage lang umhergeirrt, bis sie ein Camp gefunden haben, wo sie auch Zahra kennenlernten. Es war jene Unterkunft, aus der Zahra später fliehen würde. Die beiden Frauen sind sich einig, was das Camp angeht. „Dort war es sehr schlecht“, übersetzt Zahra die Worte der jungen Mutter. „Es war im Wald, es gab keine Toilette, kein Essen, kein Wasser, kein Platz zum Schlafen.“ Es habe Kämpfe zwischen den Flüchtlingen gegeben. Tagsüber haben Araber und Afghanen unter sich gestritten, so Soraya. Nachts gingen Araber und Afghanen dann aufeinander los. Die Familie hatte Glück im Vergleich zu Zahra. Sie blieben nur drei Tage, danach wurden sie in ein größeres Camp geschickt. Es folgten Athen, Serbien, Ungarn, Österreich und schließlich München.

Wir fragen nach dem schlimmsten Moment ihrer Flucht. Zahra zögert zunächst, diese Frage zu übersetzen, als wolle sie ihre Freundin vor schlimmen Erinnerungen schützen, die auch sie verfolgen. Letztlich tut sie es doch. „Das war in Ungarn“, sagt Soraya, „es war sehr heiß, wir hatten nichts zu essen oder zu trinken.“ Schließlich mussten die Kinder für vier Tage ins Krankenhaus – völlig dehydriert.

Was sie sich von ihrem neuen Leben in Deutschland erhofft? Dass ihre Kinder richtig in die Schule und zur Universität gehen können, dass sie hier sicher sind und ihr Mann eine richtige Arbeit machen kann, lautet ihre Antwort. Für sich selber scheint sie sich nichts zu wünschen. „Wenn es meinem Mann und meinen Kindern gut geht, dann ist auch für mich alles gut“, sagt Soraya lachend. Sie scheint verlegen zu sein und braucht eine Weile, bis sie ihre Wünsche und Träume formulieren kann. „Deutsch lernen. Vielleicht zur Uni gehen und Lehrerin werden.“ Das wäre im Iran nicht möglich, so Soraya. „Im Iran und Afghanistan sagt der Mann: Du bist eine Frau, du musst zu Hause bleiben.“ Hier würde ihr Mann es ihr erlauben, sagt Soraya. In ihrer Heimat sei die Situation in der Gesellschaft anders. „Frauen haben keine Freiheit im Iran.“

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