Deutschland war von Anfang an das Ziel von Anas Alsaadi. Warum? Man könne hier schneller Arbeit finden, so Anas. Der Syrer ist kein Flüchtling, der sich mit den Gegebenheiten einfach abfindet. Von Anfang an suchte er den Kontakt zu Deutschen und fand schließlich eine Arbeit, bei der er anderen Geflüchteten helfen kann. „Ich hatte ein Leben in Syrien. Hier muss ich mir ein Neues aufbauen.“

Anas sitzt in einem Büro der Flüchtlingshilfe der Stadt Pfungstadt. Ein junger Mann in grauem Pulli, mit einer schmalen silbernen Kette um den Hals und dunklen Augen. Von dem Schreibtisch ist kaum ein freier Quadratzentimeter sichtbar – überall stehen und liegen Ordner, Formulare, Papiere. Es dauert nicht lange und die ersten Kunden kommen herein. Eine irakische Familie. „Salam“, begrüßen sie ihn. Eine junge Mutter hält ihre Tochter an der Hand. Ein kleines Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, mit einem rosafarbenen Pulli mit Disney-Prinzessinnen darauf. Sie ist müde und gähnt, während sie mit ihrem langen dunklen Zopf spielt. Es wird auf Arabisch geredet und diskutiert. Anas handelt schnell. Er holt einen dicken Ordner mit grünen Formularen hervor. Er blättert und blättert und blättert.

Auf der Suche nach dem passenden Arzt.
Auf der Suche nach dem passenden Krankenschein.

„Suche nach ‚Al’”, ruft seine Kollegin, die zwischendurch reinkommt. „Die fangen alle mit ‚Al‘ an“, antwortet Anas. Schließlich scheint das richtige Formular gefunden zu sein. Er kritzelt den Namen eines Arztes auf ein rosa Post-It und überreicht es der Familie. Dann wird wieder gestikuliert, er scheint der Familie den Weg zu erklären.

„Schukran und Tschüss“, heißt es zum Abschied. „Die kleine Sarah hat Zahnschmerzen“, erklärt er uns. „Sie muss außerdem noch zum Kinderarzt.“ Die grünen Formulare sind Krankenscheine, mit denen habe er besonders oft zu tun. „Ich bin der Joker“, erzählt uns der Syrer lachend. Er wird überall eingesetzt und wechselt auch schon mal alle paar Stunden das Büro. Er vermittelt Ärzte, füllt Bamf-Anträge aus, organisiert Integrationskurse und vor allem die Befreiung von den Gebühren. Ein Integrationskurs kostet etwa 155 Euro im Monat, so Anas. Insgesamt kriegen die Flüchtlinge jedoch nur 325 Euro.

Was er an seinem Job bei der Stadt Pfungstadt mag? „Jeden Tag mit Leuten reden. Jeder Tag ist etwas anderes.“ Reden kann er gut. Er ist seit einem Jahr und vier Monaten in Deutschland. Seit Januar 2016 arbeitet er ehrenamtlich bei der Flüchtlingshilfe in Pfungstadt. Seine Sprachkenntnisse sind beeindruckend. So ist er überhaupt an diese Arbeit gekommen. Es passierte auf einer Party für Flüchtlinge in Pfungstadt. Der Bürgermeister hatte ihn auf Englisch angesprochen, erzählt Anas. Er antwortete wiederum auf Deutsch.

Auch Daniela Ryschka, Sozialamtsleiterin und seine Chefin, lobt ihren syrischen Mitarbeiter:
„Er hat sich dadurch ausgezeichnet, dass er von sich aus sehr engagiert ist. Dass er sofort Deutschkurse belegt, immer wieder seine Hilfe als Übersetzer angeboten und immer den Kontakt zu uns gesucht hat.“ Anas ist da strenger mit sich. „Die Sprache ist die einzige Grenze für mich“, sagt er und seine Gesichtszüge werden ernster.

Der 26-Jährige hatte in Syrien Jura studiert und seinen Master in Wirtschaftsrecht gemacht. Drei Jahre hat er in seiner Heimat als Rechtsanwalt gearbeitet. Sein B1 Sprachkurs reiche in Deutschland dafür nicht aus. „Ich gehöre hier nicht hin“, sagt Anas, aber er ist sich auch bewusst: „Es war keine Option hierherzukommen.“

11. November 2014: Anas verlässt seine Heimat. Von der Türkei aus fuhr er mit einem alten Schiff aus den 50er Jahren nach Italien. Elf Tage verbrachten er und andere Flüchtlinge auf dem kaputten Schiff im Mittelmeer, bis sie von der griechischen Navi an Land gebracht wurden. Was folgte waren neun Tage im Gefängnis auf Kreta. Danach ging er nochmal zurück in die Türkei. Er hatte dort einem Schmuggler 6.000 Euro Bargeld gegeben für die Überfahrt nach Italien. Da diese aufgrund des maroden Schiffs gescheitert war, suchte er den Schmuggler wieder auf, um sein Geld zurückzuverlangen. Dieser weigerte sich jedoch. Er bot Anas einen Deal an: 3.000 Euro, dafür würde es aber keine weitere Überfahrt für ihn geben oder 500 Euro, dafür dürfte er aber wieder an Board eines Schiffs, dass ihn näher an sein Ziel bringen würde. Er entschied sich für die zweite Option. Die Fahrt war sehr schwer, erzählt Anas. Es war im Dezember, es war kalt und die See war unruhig. „Ich bin nicht sehr religiös, aber auf dem Schiff habe ich fünf Tage lang gebetet“, sagt er leicht schmunzelnd. Schließlich kam er am 05. Januar 2015 in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen an.

Von seinem alten Leben war zu dem Zeitpunkt nicht mehr viel übrig:

Version 2

Zwei Mal wurde er auf seiner Flucht mit dem Tod konfrontiert. Das habe seine Sicht auf die Welt verändert, erzählt Anas. „Seitdem ist mir alles egal.“ Trotzdem gibt es Situationen, die ihn ärgern. Missverständnisse, wie er sagt. Zum Beispiel, wenn Deutsche ihm scherzhaft „Allahu Akbar“ entgegenrufen. „Das ist so, als ob ich sie mit ‚Heil Hitler‘ begrüßen würde“, sagt Anas und streckt den rechten Arm dabei aus. Eigentlich sei „Allahu Akbar“ etwas Gutes für Muslime. Jetzt habe es allerdings eine andere Bedeutung, erklärt er. In solchen Situationen versuche er einfach den Mund zu halten, so der junge Syrer. „Früher habe ich manchmal aggressiv reagiert, deshalb versuche ich jetzt einfach, es zu vergessen.“

In diesem Moment kommen wieder Kunden rein. Zwei Junge Typen diesmal. Einer in einer dunklen Lederjacke und Bart, der andere in einer schwarzen Sportjacke, aus dem weiße Kopfhörer heraushängen. „Salam Aleikum“, begrüßt Anas die beiden lächelnd, es folgt ein Handschlag und der junge Mann mit Bart sagt „Ich habe ein Problem.“ Die weitere Konversation erfolgt auf Arabisch, nur ab und zu fällt ein deutsches Wort wie „Straßenbahn“. Es stellt sich heraus, dass der junge Araber schwarzgefahren ist. Er hat die Strafe zwar bezahlt, aber nun habe ihm die Deutsche Bahn einen Brief geschickt, in dem sie verlangen, dass er nochmal zahlt. Dabei handelt es sich um die Anwaltskosten, die entstanden sind, weil sie ihn aufgrund fehlender Adresse nicht sofort gefunden hatten. Dies gehört auch zu Anas‘ Job: Schlechte Nachrichten überbringen. Das hat schon zu Problemen mit anderen Flüchtlingen geführt, sodass er sogar umziehen musste – nach Darmstadt.

Trotzdem ist ihm seine Arbeit bei der Flüchtlingshilfe wichtig. Überhaupt zu arbeiten mache Spaß. „Ich kenne unsere Flüchtlinge beim Namen, deswegen bin ich der Joker hier“, so Anas, „die anderen wissen nicht, ob das Syrer oder Iraker sind.“ Das wissen auch seine Kollegen zu schätzen. „Er ist ein Bindeglied für uns zwischen seinem Volk, seiner Kultur und uns“, so ein Mitarbeiter. Und so soll aus der ehrenamtlichen Mitarbeit ab Juli eine feste Beschäftigung werden.

 

Advertisements