Tränen fließen über ihr Gesicht, als Zahra im Frauencafé von ihrer Flucht erzählt „Es ist so viel passiert”, sagt die 25-jährige Afghanin, die in Iran geboren und aufgewachsen ist. Jede Nacht träumt sie davon, wie sie von Bergen hinunterstürzt. Berge? Berge. Einer der Motive, die sich fest in Zahras Erinnerungen verwurzelt haben und ihr jede Nacht Albträume bereiten.

Es war der 29. Juni 2015. Auf dem Weg zwischen Iran und der Türkei verbrachte sie sechs gefährliche Tage in den Bergen. Ohne sauberes Wasser. Ohne Essen. Das Laufen fiel ihr schwer, denn ihre Füße waren wund gelaufen, ihre Schuhe kaputt. Kein Familienmitglied und kein Bekannter begleitete sie. Zahra war völlig unter Fremden – mit vier weiteren Frauen unter 60 Männern. Ein Fluss trennte den Bereich zwischen den Geschlechtern.

Albträume und angeheizte Stimmung

Schlafen konnte Zahra nie. Spät in der Nacht gab es Streitereien zwischen den Männern afghanischer, pakistanischer, iranischer und arabischer Herkunft. Vier „Anführer” hatten Handschellen dabei und fesselten einige Flüchtlinge – darunter auch Zahra. Grundlos. Auf manche schlugen die „Anführer” mit Stöcken ein. Zahra beraubten sie. Sie verlor ihr Geld und ihr Handy, das sie zur Orientierung als GPS nutze. Die Atmosphäre war angespannt – unter anderem, weil einer der „Anführer” permanent mit einem Gewehr um die Menschen herumspazierte.

In der Türkei angekommen gelangten sie in einen Park. Noch immer ohne Geld und ohne Nahrung. Ein Mann, der am Park entlang lief, sah Zahra und schenkte der 25-Jährigen seine riesigen Schuhe. Fünf Tagen später stieg sie am späten Nachmittag mit 65 Personen in einen Van, der nach Izmir fuhr. Zwölf Stunden lang. Es war eng. Und im Van waren überwiegend Männer und nur acht Frauen. Der Platzmangel sorgte für viele Diskussionen. Die Stimmung: Angeheizt.

In Izmir konnten sie nicht direkt anhalten, da die Polizei das jeweilige Gebiet überwachte. Zwei Stunden fuhr die Truppe einen Umweg, bis der Fahrer einen versteckten Ort fand, wo alle aussteigen konnten. „Raus, raus, schnell”, soll er gerufen haben. Zahra bückt sich, während sie das erzählt, kurz unter einen Tisch.

Todesangst

In Izmir wartete Zahra bis 20 Uhr auf ein Boot. Ein Boot mit sieben Meter Länge und drei Meter Breite, in das sich 58 Personen reinquetschten. Das war aber nicht das einzige Problem. „Die Schwimmwesten haben nicht ausgereicht, viele bekamen keine – auch ich nicht!”, erzählt sie, „dabei kann ich noch nicht mal schwimmen!” Außerdem gab es keinen Kapitän. Das Boot lenkten die Flüchtlinge selbst. Mitten in der Nacht haben sie sich sogar verfahren. „Ich hätte sterben können”, sagt Zahra.

Vielen Flüchtlingen ist dieses Schicksal widerfahren. Um ein Uhr nachts kam Zahra in Griechenland an und sie erzählt, wie sie Boote kentern und Menschen ertrinken sah. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen”, sagt sie, „aber wir mussten weitermachen”. So schwer es ihr auch fiel. Ihre Kleidung war nass und schwer. Etwas zum Wechseln hatte sie nicht dabei, denn alles, was sie noch übrig hatte, musste sie ins Meer werfen, damit das Boot aufgrund des Gewichts nicht sinkt.

Camps in miserablen Zuständen

Auf dem Weg durch Griechenland ließ sich Zahra irgendwann auf den Boden fallen. „Ich war sehr erschöpft”, erinnert sich Zahra. Sie lag da, bis sie eine fremde Stimme hörte. „He, was machst du da?”, soll ein Mann gesagt haben. Ein griechischer Polizist, wie sich herausstellte, der die 25-jährige Afghanin in ein Flüchtlingscamp brachte. Ein Flüchtlingscamp „ohne Schlaf- oder Sitzplatz, ohne Essen und Trinken, und es war dreckig”, sagt Zahra verärgert. Sie musste sich in Griechenland registrieren lassen. Drei Tage harrte sie in einem griechischen Camp aus – dann floh sie.

Sowohl an der serbisch-mazedonischen als auch an der serbisch-ungarischen Grenze gab es viele Probleme. Die Grenzen waren geschlossen. Sie umging sie über alternative Wege, über Schleppern, und, indem sie unter die Zäune hindurchkroch, wenn die Polizei mal unaufmerksam oder nicht da war. Ihre Kleidung war völlig zerrissen. Ein Schmuggler bot ihr Hilfe auf ihrem Weg durch Ungarn an, doch was hier verlockend klang, war in Wirklichkeit eine Falle: Der Schmuggler rief die Polizei, und diese brachte Zahra in ein Flüchtlingscamp. Es war ein Flüchtlingscamp mitten im Wald. Es regnete viel. Wie in Griechenland lebte die Afghanin auch hier, wenn auch nur kurz, unter miserablen Zuständen.

Nach drei Tagen floh Zahra erneut – diesmal aus dem ungarischen Camp. Sie lief 24 Stunden lang bis zur nächsten Stadt, sodass sie gegen fünf Uhr morgens am Budapester Westbahnhof ankam und schließlich mit dem Zug über Österreich nach Deutschland fahren konnte. Es war der 26. August 2015 – Zahra fasste erstmals Fuß auf deutschem Boden. Endlich! Die erste Zeit verbrachte sie in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. Heute lebt sie in Darmstadt.

Sehnsucht nach einem freien Leben

„Iran ist nicht sicher für mich. Ich musste fliehen”, sagt Zahra. Eigentlich möchte sie nicht über die Fluchtgründe sprechen. Sie zögert lange, doch dann tut sie es trotzdem. „In Iran und Afghanistan gibt es wenig Freiheit für Frauen”, sagt die 25-Jährige. Die klassische Rollenverteilung ist in den Ländern starr und allgegenwärtig. „Iraner sagen: Ich bin der Mann, du die Frau. Du kümmerst dich um den Haushalt, um die Kinder, bleibst zu Hause. Ich arbeite.” Zahra ist zwar ledig, doch dieses Leben wäre alles andere, als was sie sich selbst für die Zukunft wünscht. „Ich sehne mich nach einem freien Leben”, sagt Zahra. Abgesehen davon haben es Afghanen im Iran ohnehin schon schwer, vor allem ohne Dokumente.

Afghanen besuchen spezielle Schulen, getrennt von den iranischen. Außerdem hat Zahra einen ganz besonderen Wunsch: „Ich will Chemie studieren”, verrät sie uns. Das sei schon in der Schule ihr Lieblingsfach gewesen. „Ich bin nicht faul, ich kann das!”, sagt sie selbstbewusst. Sie könne sich gut vorstellen, eines Tages als Lehrerin oder Pharmazeutin zu arbeiten. Wir drücken ihr die Daumen.

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