Johannes Borgetto, Leiter des Koordinationskreises Asyl Darmstadt (KOKAS), war vom 23. April bis zum 01. Mai auf der griechischen Insel Lesbos. Vor Ort besuchte er Flüchtlingsinitiativen und machte sich ein eigenes Bild von der jetzigen Situation der Flüchtlinge, die ganz anders ist als manch einer erwartet.

Mit welchem Ziel und mit welchen Erwartungen bist du nach Lesbos gereist?

Nachdem Lesbos ewig im Gespräch war, hatte ich mir schon früher vorgenommen, diesen Brennpunkt kennenzulernen. Es ging mir um eine Art Ortsbesichtigung und ein Kennenlernen der Szene. Und nachdem wir so viel über die ehrenamtlichen Strukturen gehört und gelesen haben, war ich einfach neugierig. Wir waren eine feine, aber kleine Reisegruppe

Die Reisegruppe. Foto: Johannes Borgetto
Efi (Mitte) erklärt PIKPA, ein von Ehrenamtlichen geschaffenes Camp.| Foto: Johannes Borgetto

von sechs Leuten, die alle mit Flüchtlingen zu tun haben – zum Beispiel eine Ärztin, die sich dort im medizinischen Bereich engagiert, und ein Rechtsanwalt, der im Wesentlichen Ausländer- und Asylrecht macht.

Flüchtlinge auf der Straße, Berge von orangenen Schwimmwesten… das sind nur einige Bilder, die uns in Zusammenhang mit Lesbos in den Sinn kommen.

Im Straßenbild sieht man Flüchtlinge wie bei uns auch, aber das sind dann immer nur ganz kleine Gruppen. Die Insel hat 90.000 Einwohner, dazu kommen etwa 5.000 Geflohene, die jetzt auf der Insel festsitzen. Das Flüchtlingsdrama betraf eigentlich nur die Ost- und Nordküste. Es spielte sich insbesondere an der Nordküste ab, wo es praktisch nur sechs Kilometer bis zum türkischen Festland sind.

Schlauchboote und Reste.| Foto: Johannes Borgetto
Schlauchboote und Reste.| Foto: Johannes Borgetto

Man hat uns erzählt, dass in den besten Zeiten alle zehn Minuten ein Schlauchboot mit 40 Menschen ankam. Die Schlauchboote sind dann gleich am Strand unbrauchbar gemacht worden, damit man die Flüchtlinge nicht zurückschickt. Da häufte sich eben das Material, wie das Bild, das ihr im Kopf habt. Da gab es ein immenses Aufkommen an Freiwilligen – international, weltweit.

Aber das war. Wie ist die Situation aktuell?

Manche Hilfsorganisationen sind schon längst wieder weg, auch sind jetzt nicht mehr so viele internationale Freiwillige vor Ort. Manche Freiwilligengruppen haben sich aber zu richtigen Organisationen, Vereinen und Stiftungen verfestigt. Das sind jetzt im Wesentlichen die Einheimischen, die das tragen. Die Strände waren ziemlich gut gesäubert und wieder aufgeräumt. Und das war eine der letzten Hilfsaktionen der internationalen Freiwilligen, dass sie dann, als die Zahlen zurückgingen, sich erstmal daran gemacht haben, den Griechen die ganzen Strände aufzuräumen. Das war auch während der Hochzeit dieses Dramas sehr gut organisiert.

War die Räumung vielleicht auch der Versuch, die Spuren wegzuwischen von dem, was passiert ist?

Ja, natürlich. Der Griechenland-Tourismus ist ziemlich eingebrochen und das ist natürlich für die Leute, die vom Tourismus leben, übel im Moment. Wenn man Urlaub machen will, will man unbeschwert Urlaub machen und nicht Leichen angespült kriegen.

Kommen noch viele Flüchtlinge an?

Welcome-Wegweiser zum zentralen Aufnahmelager Moria, oberhalb Lighthouse-Camp.| Foto: Johannes Borgetto
Welcome-Wegweiser zum zentralen Aufnahmelager Moria, oberhalb Lighthouse-Camp.| Foto: Johannes Borgetto

Man hat uns gesagt, dass nach wie vor ungefähr 300 bis 400 in der Woche ankämen. Eines der Lager ist gerade zu einem EU-Hotspot ausgebaut worden. Ein ehemaliges Militär-Lager, entsprechend gut auch nach außen mit Mauer und Stacheldraht abgesichert. Da leben ungefähr 3.000 Flüchtlinge, die in der ersten Zeit komplett eingesperrt waren. Als wir da waren, hat es einen tumultartigen Zwischenfall gegeben, jetzt haben sie es etwas gelockert und die Leute dürfen wieder raus. Nur: Das ist irgendwo mitten in der Pampa. Bis zu etwas größeren Ansiedlungen und ein kleines bisschen mehr Infrastruktur sind es ungefähr sieben bis acht Kilometer. Wenn wir bei ihnen gehalten haben, um ins Gespräch zu kommen, war ihre erste Frage immer: ‘Habt ihr Wasser?’ Daran sieht man ja, dass sie schon an den Grundbedürfnissen ziemlich knapp gehalten werden. Und ohne einen Acht-Kilometer-Marsch hinzulegen, kommen sie an nichts ran. Außerdem haben sie kaum Geld, womit sie sich etwas kaufen könnten. Von daher ist das eine ziemlich triste Situation. In diesem Lager sind 380 unbegleitete Minderjährige untergebracht. Sie sind auch eingesperrt gewesen und sie hatten den Tumult entfacht.

Was hat es mit dem Tumult auf sich?

Es war wohl ein höherer Politiker Griechenlands, der einen Besuch gemacht hat. Das haben die Jugendlichen genutzt und mehrere Abfalltonnen angezündet. Vor Ort haben wir selbst nicht viel mitgekriegt, nur über das Internet. Die Polizei ist reingegangen und es gab Rangeleien. 17 Personen wurden ins Krankenhaus gebracht, die aber alle nicht schwer verletzt waren. Es ging daher relativ glimpflich aus.

Hattest Du auch persönlichen Kontakt zu ihnen?

Na ja, das war relativ schwierig. Die paar, die wir getroffen haben, sprachen kaum Englisch. Wir waren noch in einem anderen Lager namens Kara Tepe. Die tausend Leute, die da untergebracht sind, sind relativ frei, können raus und rein. Da stehen reihenweise Hütten vom UNHCR, in denen Menschen wohnen, allerdings werden sie mehr schlecht als recht versorgt.

Der 20. März war sozusagen der Stichtag – der Tag des Inkrafttretens des Deals zwischen der EU und der Türkei. Wer danach noch gekommen ist, hat im Prinzip Pech. Diejenigen kommen nicht mehr von der Insel runter, sondern werden praktisch festgehalten. Der Deal ist, dass sie alle in die Türkei zurückgeschickt werden, was bisher auch nicht funktioniert, so wie die anschließende Abnahme von Flüchtlingen in der Türkei durch Europa. Das sind wirklich lächerliche Zahlen, die da bisher überstellt worden sind. Wir hatten das Gefühl, das wissen viele Flüchtlinge noch gar nicht, denn es haben uns welche erzählt, dass sie jetzt guter Dinge sind, endlich Griechenland erreicht haben und nach Deutschland wollen… dann haben wir gefragt: ‘Wann seid ihr denn gekommen?’, und sie sagten ‘Vor einer Woche’ oder ‘Vor zwei, drei Wochen’…

Was habt ihr den Flüchtlingen daraufhin gesagt?

Wir haben nichts weiter gesagt. Wir wollen ja keine Unruhe schüren. Das müssen ihnen andere beibringen. Na, ob die jemals Deutschland sehen werden, haben wir uns gefragt. Das ist halt ein Problem. Die anderen, die einen Asylantrag gestellt hatten, die werden ganz formal nach dem Asylverfahren, soweit es da funktioniert, behandelt. Und zwar betrifft das wieder die typischen Länder Irak und Syrien. Man hat uns gesagt, es gäbe jetzt eine größere Zahl von Menschen auf der Insel, die keinen Asylantrag gestellt haben, weil sie dort auch gar nicht bleiben wollten. Sie wollten eben nicht registriert werden, damit sie nach Europa können. Die sind aber jetzt die Gelackmeierten, weil von ihnen keine Asylanträge mehr angenommen werden. Sie sitzen jetzt irgendwo im Niemandsland fest. Zwar auf der Insel, aber ohne jegliche Papiere.

Wie reagiert die einheimische Bevölkerung auf diesen Umstand ?

Es gibt engagierte, vor allem junge Leute, die sehr aktiv in Hilfsorganisationen arbeiten. Sie haben aber auch begriffen, dass es wichtig ist, nicht nur für Flüchtlinge, sondern für alle, die arm und schwach sind, zu arbeiten, sodass eben nicht diese Spaltung entsteht: ‘Für die Flüchtlinge tun sie alles, aber wer macht etwas für uns Langzeitarbeitslose oder Obdachlose?’ Sie wollen eine Stimmung aufbauen, die allen zugute kommt.

Es kommen immer weniger Menschen auf die Insel an. Würdest du sagen, dass die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreicht hat?

Ein provisorisches Auffanglager, zum Beispiel betrieben von der Stiftung „Lighthouse“, im Norden der Insel, in Skala Sykamineas, wird nicht abgebaut, obwohl dort zurzeit kein Flüchtling ankommt.

Das NGO-Camp von Lighthouse im Norden, auf Standby.| Foto: Johannes Borgetto.
Das NGO-Camp von Lighthouse im Norden, auf Standby.| Foto: Johannes Borgetto.

Der örtliche Bürgermeister will das Lager auf Vorrat halten. Die sind alle im Standby-Modus, nach dem Motto: ‘Das kann jederzeit wieder losgehen – je nachdem, wie Erdogan reagiert’. Wenn die EU Erdogan ärgert, pfeift er seine Polizei zurück und dann fahren alle wieder los, wenn da keine Kontrolle auf türkischer Seite ist. Und das nutzt er ja dauernd als Druckmittel.

Was nimmst du von der Reise mit für deine zukünftige Arbeit mit Flüchtlingen?

Es erweitert den Horizont, was diese ganze Geschichte angeht. Das ist schon irgendwie surreal auf dem Liegestuhl zu sitzen, die weißen Häuser am türkischen Strand zu sehen und in der Mitte zieht dann plötzlich ein Kriegsschiff an dir vorbei.

Das deutsche NATO-Schiff auf Patrouille vor Mytilene (Hauptstadt).| Foto: Johannes Borgetto
Das deutsche NATO-Schiff auf Patrouille vor Mytilene (Hauptstadt).| Foto: Johannes Borgetto

Währenddessen kannst du den Türken fast ins Wohnzimmer gucken. Das Land ist wirklich so nahe, es ist unglaublich. Manche Menschen haben sogar versucht rüber zu schwimmen von der Türkei.

Was hast du vor der Flüchtlingskrise mit Griechenland verbunden und was jetzt?

Mein Griechenlandbild hat sich im Zusammenhang mit Flüchtlingen positiv geändert durch diesen Besuch. Weil ich vorher unterschätzt hatte, wie stark doch die Hilfsbereitschaft der griechischen Bevölkerung ist. Ich habe das früher immer in einen Topf geworfen mit der Unfähigkeit der griechischen Regierung, ein vernünftiges Asylsystem aufzubauen. Und was man hier gehört hat von offenem Rassismus in Athen und Polizei, die auf Flüchtlinge einprügelt. Wenn man nur so ein Medienbild im Kopf hat, dann läuft man garantiert schief.

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